USA
Die neue Option

In vollen Zügen genießt Barack Obama den Vorteil des Newcomers. Denn was die Öffentlichkeit bisher über ihn weiß, ist nicht wirklich viel. Der US-Senator aus Illinois ist das Kind eines Kenianers und einer weißen Amerikanerin aus Kansas, aufgewachsen in Hawaii, Professor für Recht in Chicago, seit zwei Jahren Senator in Illinois.

Erinnerungen an den Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli 2004 werden wach: Damals wurde John Kerry als Herausforderer von George W. Bush auf den Schild gehoben, und ein relativ unbekannter demokratischer Politiker hielt die Hauptrede: Barack Obama. Seitdem war klar, dass mit diesem Mann irgendwann einmal zu rechnen sein würde. Denn Obama begeisterte die Delegierten. Knapp zwanzig Minuten durften die Demokraten damals davon träumen, endlich die Wiedergeburt eines John F. Kennedy erlebt zu haben. Bis der hölzerne John Kerry die Bühne betrat und seine Partei in die Realität zurückholte. Doch der Traum blieb.

Im Jahr 2012, so wurde spekuliert, könnte für Obama ein guter Zeitpunkt sein, seinen Hut in den Ring zu werfen. Eine Amtszeit als Senator würde dann hinter ihm liegen. Und seine Wiederwahl vorausgesetzt, könnte er dann neu bestätigt und mit mehr Erfahrung ins Rennen gehen. Oder er lässt sich Zeit bis 2016, als Hoffnungsträger in der Führungsreserve.

Doch nun mag alles anders kommen. Mit seiner Ankündigung, nach den Kongresswahlen Anfang November die Frage einer Kandidatur bereits für 2008 zu entscheiden, hat der smarte 45-Jährige alle Konzepte durcheinander gewirbelt. Und damit den Demokraten einen bislang nicht gekannten Energieschub verliehen. Denn mit dem Namen Obama verbindet sich neue Konkurrenz, eine Alternative zu Hillary Clinton. Vor allem: Die demokratische Partei erscheint nicht nur als die Anti-Bush-Partei. Sie könnte mit einem Führungspersonal werben, das in die Zukunft weist.

Doch dies gilt nur, solange das Image des liberalen Senators so einwandfrei bleibt, wie es jetzt noch ist. Denn das ist sein Privileg: Noch haben ihn die Medien und der politische Gegner nicht zerpflückt. Noch sind keine dunklen Flecken aus der Vergangenheit aufgetaucht, die Obama in Erklärungsnot bringen könnten. Und noch gelingt es dem ehemaligen Rechtsanwalt einer Menschenrechtsorganisation mit entwaffnender Offenheit, unbequeme Fragen abzuschütteln.

Obama gibt zu, einst Drogen genommen zu haben. Er sagt mit einem Lächeln, dass es auch durchaus mal Spannungen in seiner Ehe gäbe, und er kokettiert damit, dass er morgens am Frühstückstisch auch etwas mürrisch sein kann. Das alles macht ihn im Moment noch sympathisch, ja es erhebt ihn sogar über jene, die sich einst in gewundene Erklärungen flüchten mussten. So wie etwa Bill Clinton, der über seine Drogenvergangenheit fabulierte: Er habe Marihuana nur geraucht, aber nicht inhaliert. Obama lässt sich gar nicht erst in die Defensive drängen. Er schrieb über seinen Drogenkonsum sogar in seinem ersten Buch. Also: keine große Sache, kein Grund, im Erdboden zu versinken.

Der Senator mag mit dieser Einschätzung goldrichtig liegen. Eine Mehrheit der Amerikaner dürfte es genauso sehen. Doch ob er solche „Charakterfragen“ auch künftig derart nonchalant abwehren kann, wird sich zeigen. Sollte Obama kandidieren, dürften die Glacéhandschuhe ausgezogen werden.

Doch schon jetzt, bevor sich Obama noch richtig erklärt hat, ist Bewegung in Amerikas Demokraten gekommen. Die Unausweichlichkeit, Hillary Clinton zu nominieren, ist aufgebrochen. Die Sympathiewelle, die Barack Obama entgegenschlägt, hat einen simplen Grund: Im Gegensatz zur Senatorin aus New York wird dem Senator aus Illinois nämlich zugetraut, das Land, die Amerikaner zu einen.

Denn das wird die größte Herausforderung nach der Ära Bush sein: die Polarisierung zu überwinden, die den USA sowohl auf Grund der „neokonservativen Revolution“ als auch der Folgen des Terrors und zweier Kriege so schwer zu schaffen machen. Ein liberaler-moderater Schwarzer als Präsident, charismatisch und nachdenklich, könnte tatsächlich Stimmen auf allen Seiten für sich gewinnen.

Sollte Obama tatsächlich zum Rennen um die Präsidentschaftskandidatur starten, würden sich auch die Republikaner neu positionieren müssen. Denn wenn bislang wirklich galt, dass John McCain jeden schlagen kann, selbst Hillary Clinton, so dürfte diese Formel dann nicht mehr so einfach stimmen. In der Frage Jugend gegen Alter, Charme gegen Erfahrung haben die Amerikaner schon mehrfach die Faszination gewählt. Und dass Obama erst wenige Jahre Senator ist, muss kein Hindernis sein. John F. Kennedy hatte es jedenfalls nicht geschadet.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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