Verantwortung der Wirtschaft
Jobs und Moral

Bundeskanzler Schröder nennt sie schlicht und verletzend „unpatriotisch“. Gemeint sind jene deutschen Unternehmer, die trotz mehr als fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland Jobs ins Ausland verlagern.

Der Kanzler greift mit seinem feinen Gespür ein verbreitetes Unbehagen auf: Ist es nicht Ausdruck „totaler Ökonomisierung“ (Müntefering), wenn die Unternehmen Rekordgewinne melden, zu Hause aber Stellen streichen und neue Fabriken in Bratislava oder im indischen Bangalore bauen? Das widerspricht auf den ersten Blick nicht nur dem deutschen Sinn für soziale Gerechtigkeit, sondern auch der Pflicht, das Land aus der Krise zu führen. Doch bei genauer Betrachtung überwiegen die ökonomischen und moralischen Argumente für das Outsourcing: Viele Verlagerungen dienen dem Gemeinwohl.

Der Streit darüber ist keineswegs auf Deutschland beschränkt. In Amerika wurde das Thema zum Wahlkampfschlager. Ähnlich wie Schröder verglich der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry die Global Player mit „vaterlandslosen Gesellen“. Anders als bei uns wird der gesellschaftspolitische Streit jenseits des Atlantiks jedoch von einer ernst-haften ökonomischen Debatte begleitet, ohne die eine moralische Bewertung von Jobverlagerungen schlicht unmöglich ist.

Zunächst muss man mit dem scheinbaren Widerspruch von Rekordgewinnen und Jobverlagerungen aufräumen: Nur weil deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren massiv ihre Produktion in Billiglohnländer verlagert haben, können sie heute glänzende Bilanzen präsentieren. Deutschland ist nur deshalb Exportweltmeister, weil die Firmen viele Vorprodukte in Osteuropa oder Asien fertigen lassen und so auf den Weltmärkten konkurrenzfähig bleiben. Wer also den Erfolg von „made in Germany“ feiert, sollte nicht über Vaterlandsverräter in den Chefetagen maulen.

Damit ist die ökonomische Antwort auf die moralische Frage nach dem Für und Wider des Outsourcings keineswegs erschöpft. Die Entscheidung über eine Verlagerung von Arbeitsplätzen muss der Unternehmer nach Kosten-, Konkurrenz- und Marktgesichtspunkten treffen. Ein staatlicher Eingriff in diese unternehmerische Freiheit wäre das Ende der Marktwirtschaft. Wem dieses Argument zu engstirnig ökonomisch und zu wenig moralisch erscheint, der muss die Frage nach der Qualität der Lebensbedingungen in staatlich gelenkten Volkswirtschaften beantworten.

Nicht viel besser ist es, den internationalen Austausch von Gütern, Kapital und Arbeitsplätzen durch Handelsbarrieren einzuschränken. In keinem einzigen Fall ist es bislang hoch entwickelten Industrieländern gelungen, den Niedergang bestimmter Branchen durch Protektionismus zu verhindern. Weder die Landwirtschaft noch die Textilindustrie, noch der Bergbau haben dem Druck des globalen Wettbewerbs standgehalten. Die Anpassung wurde nur verzögert und damit der Aufbau neuer Industriezweige und neuer Arbeitsplätze. Wer heute also den Arbeitnehmern vorgaukelt, ein staatlicher Schutzschild könne ihre Jobs dauerhaft erhalten, verspielt seine moralische Autorität.

Der entscheidende Gradmesser für die moralische Bewertung der Jobverlagerungen ist jedoch, ob sie dem Gemeinwohl dienen oder nicht. Studien vom Institute for International Economics (IIE) in Washington und der Unternehmensberatung McKinsey zeigen, dass der Nutzen des Outsourcings die Kosten deutlich überwiegt. So erhält Amerika für jeden Dollar, den es durch Jobverlagerungen ins Ausland verliert, zwischen 1,12 und 1,14 Dollar zurück: sei es in Form von billigeren Importen, höheren Profiten und Dividenden oder neuen Absatzmärkten für US-Produkte. Nach Berechnungen der IIE-Ökonomin Catherine Mann hat das Outsourcing wesentlich zum Produktivitätsschub in den USA in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre beigetragen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung für Deutschland fällt nicht so positiv aus, weil die deutschen Arbeitnehmer es auf Grund eines starren Arbeitsmarktes schwerer haben, einen neuen Job zu finden. Mit den Worten von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: „Die von ausländischer Konkurrenz verdrängten Industriearbeiter werden nicht für höherwertige Stellen freigesetzt, sondern für gar nichts.“ Die Hauptschuld daran tragen nicht die Unternehmer, sondern hat die Arbeitsmarktpolitik.

Outsourcing ist also kein Gegensatz zu einem „modernen Patriotismus“. Staat und Unternehmen sollten allerdings gemeinsam dafür sorgen, dass die von Jobverlagerungen Betroffenen rascher als heute wieder ein Beschäftigungsverhältnis finden: durch Lohnzuschüsse und eine bessere Aus- und Weiterbildung. Wer legt in einer internationalen Wirtschaft noch Rechenschaft über sein Wirken ab?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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