Wechselkurse
China wagt den Sprung

Nach mehr als zehn erfolgreichen Jahren mit einem fest an den Dollar gebundenen Wechselkurs hat China gestern den Sprung ins kalte Wasser gewagt und den Yuan-Wechselkurs flexibilisiert. Der internationale politische Druck vor allem aus den USA wurde zu stark, es drohten bereits protektionistische Vergeltungsmaßnahmen des größten Handelspartners gegen eine als unfair gebrandmarkte Währungspolitik.

Zudem sprachen der rapide steigende Überschuss im chinesischen Außenhandel und das überbordende Wirtschaftswachstum für eine Aufwertung. Allerorten gibt es Anzeichen einer ungesunden Überhitzung und Überinvestition. Dazu trug der Exportboom, der den Handelsbilanzüberschuss im letzten Quartal auf 40 Mrd. Dollar anschwellen ließ, nicht unwesentlich bei. Eine Aufwertung der Währung kann daher zu einer willkommenen Abkühlung beitragen und zugleich das Land politisch aus der Schusslinie nehmen.

Wichtigste Nebenbedingung für die chinesische Regierung ist allerdings, dass der Regimewechsel das fragile Finanzsystem des Landes nicht in die Krise stürzen darf. Noch haben die chinesischen Banken wenig Erfahrung mit flexiblen Wechselkursen. Absicherungsmechanismen sind nur rudimentär vorhanden.

Der Zeitpunkt des Regimewechsels ist unter diesem Gesichtspunkt sehr klug gewählt. Er fällt in eine Phase der Dollarstärke, in der der Druck auf andere Währungen aufzuwerten, relativ gering ist. Die Änderung nimmt sich zunächst bescheiden aus. Um zwei Prozent wurde der Yuan zunächst zum Dollar aufgewertet, und statt der US-Währung bildet künftig ein Währungskorb die Referenzgröße für die Wechselkurspolitik. Die täglichen Kursveränderungen zum Dollar sind auf 0,3 Prozent begrenzt. Viel mehr hat die Zentralbank klugerweise nicht verraten. Ob sie den Wechselkurs im Verhältnis zu dem noch unbekannten Währungskorb fixieren oder eine graduelle Aufwertung tolerieren wird, ließ sie gestern offen. Dadurch minimiert die Zentralbank die Gefahr, dass spekulative Kapitalströme das Währungssystem auseinander brechen lassen oder extreme Kursauschläge herbeiführen. Noch wissen die Märkte nicht wirklich, wogegen sie spekulieren könnten, vielleicht werden sie es auch längere Zeit nicht genau wissen. Die Erklärung der Notenbank lässt ahnen, dass eine Rückkehr zu dem Währungsregime angedacht ist, wie es vor 1995 bestand. Damals war die tägliche Wechselkursschwankung ebenfalls eng begrenzt. Über längere Zeiträume kamen aber doch merkliche Kursveränderungen zu Stande.

Die Chance, dass die gefährlich hohen Defizite im US-Außenhandel, vor allem gegenüber Asien, ohne Währungsturbulenzen und ohne Rückfall in den Protektionismus abgebaut werden, ist seit gestern gestiegen. Selbst wenn China den Wechselkurs gegenüber dem Währungskorb fest halten sollte, fällt es künftig dem übrigen Asien leichter, eine Aufwertung seiner Währungen zuzulassen. Denn von nun an macht der wichtigste regionale Konkurrent wenigstens einen Teil jeder Aufwertung automatisch mit. Soweit und solange die Regierung die Stabilität des chinesischen Finanzsystems nicht gefährdet sieht, wird China darüber hinaus auch eine Aufwertung gegenüber dem gesamten Währungskorb zulassen.

Für Europa ist diese Entwicklung ausgesprochen positiv. Es bedeutet, dass in den weiteren Abwertungsrunden des Dollars, die nötig sein werden, um das Leistungsbilanzdefizit der USA auf ein dauerhaft tragfähiges Niveau zurückzuführen, die asiatischen Währungen einen größeren Teil der Last schultern werden. Das ist gut so, denn Asiens Ökonomien sind viel besser in der Lage, den damit verbundenen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit zu verkraften.

Klar ist allerdings auch, dass die Herausforderung, die China für den Rest der Weltwirtschaft darstellt, dadurch nicht wesentlich kleiner wird. Es bleibt dabei, dass Hunderte Millionen extrem billiger und noch nicht ausgelasteter Arbeitskräfte ein immer größeres Sortiment von Waren konkurrenzlos billig produzieren können. Selbst eine Aufwertung des Yuans um zwanzig Prozent würde daran nur marginal etwas ändern. Daher sind die Klagen über eine unfaire Wechselkurspolitik zum großen Teil Unsinn. Es bleibt auch dabei, dass das riesige, ökonomisch schnell wachsende Land mit seinem Rohstoffhunger die Preise für Öl und andere Rohstoffe in die Höhe treibt. Diese Herausforderungen sickern erst allmählich in das allgemeine Bewusstsein ein, obwohl sie das Wirtschaftsleben in den etablierten Industrieländern bereits maßgeblich beeinflussen. Die Wirtschaft reagiert bereits, die Politik beobachtet noch.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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