Weltbank
Die Fallstricke

Ohne die Ergebnisse der Untersuchung durch den Direktorenrat der Weltbank abzuwarten, bläst Heidi Wieczorek-Zeul zum Sturm auf Paul Wolfowitz. Entweder besitzt die deutsche Ministerin für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit ein Spezialwissen über den Weltbank-Chef, das sie nun so forsch sein lässt. Oder aber sie spielt Vabanque. Denn sollte sich Wolfowitz halten können, ist fraglich, wie eine künftige Zusammenarbeit zwischen einem der größten Geberländer, Deutschland, und der Empfängerorganisation Weltbank aussehen soll, wenn deren Chef zuvor öffentlich derart demontiert worden ist. Dabei wäre der vergiftete Ratschlag der deutschen Ministerin, Wolfowitz solle selbst und „je schneller, desto besser“ die Konsequenzen ziehen, ja vielleicht gar nicht nötig gewesen. Denn für den ehemaligen stellvertretenden Pentagon-Chef ist es in den letzten Tagen ohnehin eng geworden.

Schon kursieren Listen mit den Namen von potenziellen Nachfolgern auf dem Stuhl der Weltbank, etwa der von Ashraf Ghani, einst afghanischer Finanzminister und ehemaliger Weltbanker. Auch wird allenthalben der Schwund des Vertrauens in Wolfowitz bereits derart diskutiert, dass das Resultat der Untersuchungskommission fast schon keine Rolle mehr zu spielen scheint. Der Schaden für die Weltbank gilt dabei als so groß, dass er nur noch durch einen personellen Neuanfang repariert werden kann, lautet das gängige Argument. Den USA solle nun eine Brücke gebaut werden, um ohne allzu großen Gesichtsverlust Wolfowitz aus dem Verkehr zu ziehen. Schließlich habe das Weiße Haus mit der ebenfalls schwelenden Affäre um Justizminister Alberto Gonzales derzeit ohnehin ein weiteres schweres Personalproblem zu meistern.

Doch bevor das Kapitel Wolfowitz zugeklappt wird, lohnt sich noch einmal ein Blick auf die Genese der Angelegenheit. Denn man muss den Ideologen Wolfowitz nicht mögen, um dennoch einige – allerdings unerfreuliche – Schlüsse über die Funktionsweise von „political correctness“ zu ziehen. Denn was der frühere Vize von Donald Rumsfeld jetzt erlebt, hat mehr mit der höchst kontroversen Persönlichkeit von Wolfowitz zu tun als mit der Affäre selbst.

Die These sei gewagt, dass Wolfowitz' Vorgänger, James Wolfensohn, bei gleicher Sachlage ein solcher Absturz nicht widerfahren wäre. Wolfowitz ist Projektionsfläche für die Aggressionen und Frustrationen, die sich in den sechs Jahren der Präsidentschaft von George W. Bush aufgestaut haben. Wolfowitz, einer der geistigen Väter des Irak-Krieges, verkörpert Isolationismus, Arroganz und absoluten Machtanspruch der einzig verbliebenen Supermacht.

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