Weltbank
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Als der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara 1968 die Leitung der Weltbank übernahm, wandelte er sich scheinbar über Nacht vom Saulus zum Paulus: Aus dem brillanten Strategen in der Kuba-Krise und im Vietnam-Krieg wurde ein begeisterter Pionier im Kampf gegen die Armut. Ähnlich präsentiert sich Paul Wolfowitz, der gestern in Washington zum neuen Präsidenten der Weltbank gewählt werden sollte.

Als er am Mittwoch der EU in Brüssel seine Aufwartung machte, war der bisherige stellvertretende US-Verteidigungsminister und Architekt des Irak-Kriegs nicht wiederzuerkennen. Er werde sich für eine multilaterale Politik der Weltbank einsetzen und weltweit Wohlstand, Frieden und Freiheit fördern, versprach der Vordenker der amerikanischen Neokonservativen. Es war, als habe er einen Schnellkurs in europäischer Politikrhetorik absolviert.

Doch anders als vor rund 40 Jahren ist diesmal Vorsicht geboten. Als McNamara die Leitung der Weltbank übernahm, hatte er dem Vietnam-Krieg abgeschworen, schon 1967 seinen Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers eingereicht. Wolfowitz hingegen steht bis heute zum Irak-Krieg, zu dessen falschen Prämissen und fatalen Strategien. Er hat sich auch nicht von US-Präsident George W. Bush losgesagt – im Gegenteil: Selbst in Washington sehen ihn viele als den verlängerten Arm des Präsidenten.

Deshalb wird Wolfowitz in der Weltbank einen viel schwereren Stand haben als sein Vorbild McNamara. Vor allem die Europäer wollen ihn an die Kandare nehmen. Sie verfügen nicht nur über gut 30 Prozent der Stimmrechte in der Weltbank, was sie zum mächtigsten Block im 24-köpfigen Direktorium macht. Sie haben auch zahlreiche Ansprüche formuliert, die – wenn sie denn in die Tat umgesetzt werden – eine einseitige Instrumentalisierung der Weltbank für US-Interessen verhindern sollen.

Besonders selbstbewusst – manche sagen unverschämt – treten die Franzosen auf. Sie fordern nicht nur, dass Wolfowitz in der Weltbank ein europäischer Stellvertreter zur Seite gestellt wird, so wie dies mit umgekehrten Vorzeichen im Internationalen Währungsfonds üblich ist. Präsident Jacques Chirac erwartet auch, dass die USA den französischen Kandidaten Pascal Lamy für die Leitung der Welthandelsorganisation unterstützen.

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