Weltbörsen
Misstrauen regiert

Zu den regelmäßigen Missverständnissen der Finanzberichterstattung gehört die Einschätzung, dass schlechte Unternehmensergebnisse die Weltbörsen erschüttern.

Wer war gestern schuld am neuerlichen Tauchgang der Märkte? Der Autokonzern Daimler, weil er erneut seine Gewinnprognosen revidieren musste? Der Onlinehändler Amazon, weil er den hoffnungslos optimistischen Analystenprognosen nicht mehr folgen kann?

In der Realität schauen die Börsianer weit über das Jahr 2000 hinaus. Ansonsten müssten die Aktienkurse seit Tagen nach oben laufen, nicht nach unten: Von 170 Firmen aus dem US-Börsenindex S&P 500, die Zahlen zum dritten Quartal vorgelegt haben, konnten immerhin 100 ihre Gewinne weiter steigern. Daran gemessen hat die Welt schon schlimmere Depressionen erlebt.

Es gibt weitere positive Ansätze, die an den Finanzmärkten derzeit nicht zur Kenntnis genommen werden. Der Kreditmarkt etwa beginnt leicht aufzutauen - eine Entwicklung, der bis vor wenigen Tagen die alleinige Aufmerksamkeit galt. Die Rohstoffpreise fallen seit Wochen rasant. Sie entlasten die Kostenpositionen vieler Unternehmen, können ganze Branchen wie die Flugindustrie vor dem finanziellen Absturz bewahren und Autofahrern die größte Panik vor der Fahrt zur Tankstelle nehmen. Dennoch kennen Dax und Dow Jones, Nasdaq und Nikkei seit Tagen nur eine Richtung: abwärts!

Der wahre Grund, weshalb die Weltbörsen trotz wüster Abschläge noch immer keinen Boden finden, ist eine Welle der Unsicherheit, wie sie die Wirtschaft seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Das Vertrauen in den Finanzsektor und sein undurchschaubares Gestrüpp von Kreditderivaten, die Investor Warren Buffett in weiser Voraussicht "Massenvernichtungswaffen" nannte, ist massiv beschädigt. Die Hoffnung darauf, dass ausgerechnet die Macheten der Politik einen Weg aus dem globalen Finanzdschungel schlagen können, ist nach dem Zickzack-Kurs in Washington und nach Meinungsverschiedenheiten in Brüssel nicht eben gestiegen.

Krise oder Crash? Zyklischer Abschwung oder tiefe Rezession? Die vielen Fragezeichen liegen wie ein böser Schatten nicht allein über den Finanzmärkten. Der Realwirtschaft schwant, dass sie längst infiziert ist, doch auch hier kennt keiner den genauen Befund. Wer auf 2009 blickt, sieht im Moment nur ein schwarzes Loch. Analysten drehen ihre Gewinnreihen mit notorischer Verspätung, dafür umso wilder zurück. Ebenso wie ihre Arbeitgeber haben auch sie in der Krise jeden Kredit verspielt. Zahlreiche Unternehmen wagen derzeit nicht einmal mehr den Ansatz einer Prognose, weil sie nicht seriös abschätzen können, mit welcher Wucht die Vertrauenskrise ins eigene Kontor schlägt. Investoren hassen diese Unsicherheit fast mehr als die verbindliche Warnung vor einem Krisenjahr 2009.

Dass die Unternehmensbewertungen etwa im Dax auf einem Niveau unterhalb von 4 500 Punkten historisch günstig sind, spielt in diesem Umfeld keine Rolle. Allein die Unsicherheit über die Schärfe des bevorstehenden Einbruchs reicht aus, um die Eigendynamik eines Abschwungs an den Börsen zu beschleunigen.

Inzwischen gilt als mehrheitsfähig, dass die großen Industrienationen in Amerika und Europa einer Rezession entgegensteuern. Ungeklärt ist die Frage, wie etwa der US-Konsument - und damit die Konjunktorlok der weltgrößten Volkswirtschaft- fortan auf eine nie da gewesene Belastung reagiert. Frustriert blicken Amerikas Verbraucher auf sinkende Immobilien- und Finanzvermögen, während Banken ihre Kredite zurückfordern und Hunderttausende Arbeitsplätze im Land wackeln.

"Corporate America" ist in eine Phase eingetreten, in der Firmen nicht mehr länger den Gewinnprognosen der Analysten hinterherhecheln. Sie lassen kollektiv Luft aus dem Ballon und nutzen die Unsicherheit, um ihre Kostenseite wetterfest zu machen. So hat der US-Pharmakonzern Merck & Co. zur Wochenmitte die Entlassung von 7 200 Mitarbeitern bekanntgegeben, obwohl er nach wie vor Milliardengewinne schreibt. Auch im Finanzsektor geht die Entschuldung unter Schmerzen weiter. Hedge-Fonds liquidieren Positionen und/oder schichten in zusehends attraktive Staatsanleihen um. Selbst Vorstandschefs und Milliardäre wie Kirk Kerkorian müssen zur Unzeit Aktien verkaufen, weil sie mit Krediten gespielt und gehebelt haben. Das Signal an die Märkte ist verheerend: Wenn schon Insider verkaufen, verstärkt das die Vertrauenskrise nur.

Ein nüchterner Blick auf die Fundamentaldaten der Weltwirtschaft lässt die Börsenreaktion der vergangenen Tage übertrieben erscheinen. Solange aber das Misstrauen regiert und die Unsicherheit mit Blick auf 2009, werden die Märkte keinen Boden finden - zumindest nicht nachhaltig.P>

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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