Angela Merkel
Europas neue Leitfigur

Pragmatisch, diplomatisch, hartnäckig: Mit diesen drei Eigenschaften empfiehlt sich Angela Merkel für weitere EU-Aufgaben. Spielend hätte die Bundeskanzlerin zur Europäerin des Jahres gewählt werden können. Rückblick auf ein außenpolitisches Traumjahr.

BRÜSSEL. Außenpolitisch betrachtet, war es ein Traumjahr für Angela Merkel. Die Kanzlerin legte 2007 auf der internationalen Bühne gleich mehrere Meisterstücke hin. Anspruchsvolle Klimaschutzziele gesteckt, die Weichen für die Zukunft der EU gestellt, die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen belebt. So liest sich die Bilanz einer Frau, die 2007 spielend zur Europäerin des Jahres hätte gewählt werden können.

Wer diese Bilanz richtig einordnen will, der muss sich an den November 2005 zurückerinnern. Damals, es war der Abend der Bundestagswahl, hatte sich Gerhard Schröder in der legendären Berliner Runde noch hämisch über die mangelnde außenpolitische Erfahrung Merkels ausgelassen. Jetzt feiert die Kanzlerin europapolitische Erfolge, die ihrem Vorgänger versagt blieben. Selbst der rastlose und stets auf seinen eigenen PR-Vorteil bedachte französische Präsident Nicolas Sarkozy kann ihr nicht das Wasser reichen.

Als Sarkozys Pressesprecher beim Brüsseler EU-Gipfel im vergangenen Juni eilig die Korrespondenten zusammentrommelte, um mitzuteilen, dass sein Chef den Durchbruch in den Verhandlungen über den neuen EU-Vertrag erzielt habe, tauschten die Journalisten ungläubige Blicke. Sarkozy gönnte Merkel den Eintrag ins Geschichtsbuch nicht. Es war eine Mischung aus Empörung und Staunen über die Chuzpe des neuen Präsidenten, die sich breitmachte. Die wenigsten nahmen die Botschaft des französischen Spindoktors für bare Münze.

Sicher, Merkel hatte den polnischen Kaczynski-Zwillingen nach stundenlanger ermüdender Debatte über die künftigen Abstimmungsregeln im EU-Ministerrat gedroht, Europa werde notfalls ohne Polen weitermarschieren. Die Stimmung spitzte sich daraufhin gefährlich zu, und Sarkozy half, die Kaczynskis zum Einlenken zu bewegen. Doch die Gesamtbilanz des Gipfels beurteilen die Kommentatoren einhellig: Nicht egomanischer Darstellungsdrang, sondern das diplomatische Geschick der Präsidentschaft sorgte für den glücklichen Ausgang der Verhandlungen.

Die Ortsmarke Brüssel stand 2007 für ein Gipfeltreffen der Europäischen Union, das ausnahmsweise das Signum historisch verdient. Von vielen Begegnungen der EU-Staats- und Regierungschefs bleibt ja nicht viel mehr, als die im Archiv aufbewahrten Absichtserklärungen. Doch der Brüsseler Juni-Gipfel hat Geschichte geschrieben und steht in einer Linie mit Namen wie Maastricht oder Amsterdam, wo sich ebenfalls das Schicksal der EU entschied. Vor dem Hintergrund der gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden ging es in der ersten Jahreshälfte darum, den EU-Reformprozesses nach zwei quälenden Jahren der Paralyse wiederzubeleben.

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