„Aus Trümmern dringen Schreie“
Fast 1 100 Erdbeben-Tote in Algerien

Mindestens 7 600 Menschen wurden nach Angaben der algerischen Behörden vom Donnerstag bei dem Erdbeben verletzt. Allerdings gab es auch 24 Stunden danach keine endgültige Opfer-Bilanz.

HB/dpa ALGIER. Unter den Trümmern eingestürzter Wohnblocks wurden noch tausende Menschen befürchtet. Deutschland und Frankreich schickten Rettungsteams in das Krisengebiet. Der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika ordnete am Abend eine dreitägige Staatstrauer an, berichtete das algerische Fernsehen.

Am schwersten betroffen ist die Region um die Hauptstadt Algier im Norden und der östlich davon gelegene Verwaltungsbezirk Boumerdès. Die Auswirkungen der Erdstöße waren sogar auf der Mittelmeerinsel Mallorca zu spüren. „Um mich herum ist alles umgefallen, alle hatten Angst“, berichtete ein Augenzeuge. Menschen liefen auf die Straße oder sprangen in Panik aus dem Fenster, als ein heftiger Erdstoß am Mittwochabend um 19.45 Uhr Ortszeit den Norden des Landes erschütterte. „Gebäude schwankten und stürzten ein wie Kartenhäuser“, beschrieben Einwohner die Situation. „Alle rannten aus den Häusern, überall Schreie, Blut und Sirenen.“

Heftige Nachbeben hielten die ganze Nacht an

Aus Angst vor weiteren Erdstößen verbrachten Tausende die Nacht im Freien, in öffentlichen Parks und Stadien. Viele versuchten, aufs Land zu fliehen. In der dicht besiedelten Region wohnt über die Hälfte der Einwohner Algeriens, fast 20 Millionen Menschen. Die ganze Nacht hindurch versuchten Freiwillige, Überlebende zu retten. In den eingestürzten Häusern wurden noch ganze Familien vermutet. Straßenzüge sind zerstört. Fernsehbilder zeigten Menschen, die mit bloßen Händen nach Verschütteten gruben. „Aus den Trümmern dringen Schreie“, berichteten Helfer, „überall sind Menschen, die sich nicht selbst befreien können“. Vor den Krankenhäusern wurden die mit Tüchern bedeckten Toten aufgereiht.

Rettungskräfte sind überfordert

Die Rettungskräfte sind angesichts der vielen Opfer überfordert. „Das ist eine nationale Katastrophe“, sagte Regierungschef Ahmed Ouyahia beim Besuch eines zerstörten Stadtteils von Algier. Er hob die außerordentliche Solidarität der Bevölkerung hervor: „Alle kämpfen um die Überlebenden - Helfer, Retter, Feuerwehrleute und das Militär.“

Die meisten Toten und die schlimmsten Zerstörungen gab es im Verwaltungsbezirk Boumerdès östlich Algiers. Das Epizentrum des Bebens lag nahe der Stadt Thénia rund 70 Kilometer im Osten der Hauptstadt. In weiten Teilen brach die Infrastruktur völlig zusammen, Straßen und Wege sind weiterhin blockiert, Telefonleitungen und die Stromversorgung gestört. Für die Helfer ist es oft schwierig, in die betroffenen Regionen durchzukommen.

Auch ein Krankenhaus wurde zerstört. In anderen Kliniken bemühten sich Ärzte und Pflegepersonal verzweifelt um die Opfer, deren Zahl unaufhörlich stieg. Oft wurden Menschen im Freien behandelt, weil die Spitäler überfüllt sind. „Immer neue Verletzte werden zu uns gebracht, wir wissen nicht, wie wir sie versorgen sollen“, sagte ein Arzt einem Fernsehteam. Die Einwohner wurden aufgerufen, Blut zu spenden. Präsident Abdelaziz Bouteflika besuchte noch in der Nacht Verletzte in den Krankenhäusern und berief einen Krisenstab ein.

Aus Frankreich landeten am Mittag 110 Helfer mit 13 Suchhunden in Algier. Am Nachmittag flog ein Team mit 20 Helfern und Rettungshunden des technischen Hilfswerks aus Frankfurt/Main in die Krisenregion. Deutschland hatte in den vergangenen Wochen engen Kontakt zu dem nordafrikanischen Staat gehalten, da rund 1 200 Kilometer vom Zentrum des Erdbebens entfernt noch immer deutsche Touristen als Geiseln festgehalten wurden.

Bauvorschriften missachtet

Schuld am verheerenden Ausmaß der Zerstörung ist nach Ansicht des algerischen Botschafters in Paris die Missachtung von Bauvorschriften. „Erdbeben sind nicht vorhersehbar“, bestätigte ein Sprecher der Erdbebenwarte in Straßburg. „Die einzige Vorsorge, die man treffen kann, sind strenge Bauvorschriften und die Kontrolle dieser Regeln.“

Nach Expertenauskunft häufen sich Erdbeben in Nordafrika wegen der Kontinentalverschiebung. Im Mittelmeerraum treffen die große Nordafrikanische und die Euroasiatische Kontinentalplatte aufeinander. Nach Untersuchungen des GeoForschungszentrums Potsdam haben sich in etwa 17 Kilometer Tiefe Gesteinspakete auf einer geneigten Fläche schräg übereinander und parallel zur Küste verschoben.

Das Epizentrum des letzten schweren Bebens in Algerien vom Oktober 1980 lag nur rund 200 Kilometer vom jetzigen Erdbebenzentrum entfernt bei El-Asnan südwestlich der Hauptstadt. Damals waren nach unterschiedlichen Angaben bis zu 5 000 Menschen ums Leben gekommen.

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