Beobachter sprechen von "ungewöhnlich engagierter Rede" bei Treffen mit Muslimen
Papst verurteilt Terrorismus als "pervers"

Papst Benedikt XVI. hat bei einem Treffen mit Muslimen am Abend in Köln den Terrorismus als „pervers und grausam“ verurteilt. Die jugendlichen Pilger feiern unterdessen weiter. Zur großen Abschlussmesse werden 800 000 Besucher erwartet.

HB KÖLN. Der Papst hat bei dem Treffen mit Vertretern moslemischer Verbände in Köln jegliche Form des Terrorismus scharf verurteilt und Christen und Moslems aufgerufen, sich gemeinsam der Gewalt zu widersetzen. „Das Leben jedes Menschen ist heilig, für die Christen wie auch für die Muslime“, mahnte Benedikt. Die Attentäter und deren Hintermänner wollten „unsere Beziehungen vergiften“, meinte Ratzinger. Dabei „bedienen sie sich aller Mittel, sogar der Religion...“. Wörtlich heißt es weiter: „Der Terrorismus, welcher Herkunft er auch sei, ist eine perverse und grausame Entscheidung, die das unantastbare Recht auf Leben mit Füßen tritt und die Fundamente jedes geordneten Zusammenlebens untergräbt.“ Gemeinsam müssten Christen und Moslems den Hass in den Herzen ausrotten, sich gegen Intoleranz wehren und der Gewalt widersetzen.

In ihren Kriegen gegeneinander hätten sich beide Religionen auf Gott berufen. Nun aber müssten sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. „Wir wollen die Wege der Versöhnung suchen und lernen, so zu leben, dass jeder die Identität des anderen respektiert“, sagte der Papst. In der Vergangenheit hatten Politiker die Moslems mehrfach aufgefordert, stärker gegen den islamistischen Terrorismus zu kämpfen. Vatikanbeabachter sprachen von einer ungewöhnlich engagierten Rede. In den Tagen zuvor hatte Benedikt bereits mit Juden und Protestanten gesprochen.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, betonte in der Audienz die gemeinsamen Werte und Probleme beider Religionen. Es sei das Gebot der Stunde, einen Schlussstrich unter die schwarzen Kapital der gemeinsamen Geschichte zu ziehen, sagte er nach einer Erklärung des Zentralrates. Auch die islamische Welt sollte ihre historische Schuld bekennen und zu einem neuen konstruktiven Anfang bereit sein. „Nicht zuletzt unser gemeinsamer Feind, der Terrorismus, macht dies erforderlich, unser Glaube an Gott und unser Menschsein verpflichten uns dazu“, sagte Elyas.

Vertreter islamischer Organisationen haben das Treffen mit Benedikt XVI. gelobt. Ridvan Cakir, Präsident der türkisch-islamischen Organisation DITIP, sagte: „Bezogen auf den Dialog der Religionen und die Aktivitäten gegen Terror teilen wir dieselbe Meinung. Im Grunde genommen haben wir sehr viele Gemeinsamkeiten. Jeder Mensch sollte gegen Terror sein.“ Nach Angaben des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, verlief die Begegnung in „verständnisvoller Atmosphäre“. „Wir sind glücklich, dass es zu dieser Begegnung gekommen ist.“ Der Papst habe „mit kräftigen Worten“ hervorgehoben, „dass der Dialog von Christen und Muslimen von vitaler Notwendigkeit ist“. Bei den 3,2 Millionen Muslimen in Deutschland sei es „beim Besuch des Papstes sehr wichtig, darüber zu reden, wie wir ein gemeinsames Zusammenleben gestalten können.“

Viele Pilger auf Marienfeld

Auf dem Marienfeld westlich von Köln haben sich am Abend mehr als eine halbe Million Pilger versammelt, um an einer Abendandacht mit dem Papst teilzunehmen. Bei milder Abendsonne hat Benedikt XVI. vom Papamobil aus 700 000 Gläubige begrüßt. Nach seiner Ankunft in der „Kathedrale für einen Tag“, einem 250 Hektar großen Gelände in einem ehemaligen Braunkohlerevier, fuhr der Papst im Wagen mit dem gläsernen Turm über das Gelände. Pausenlos winkte er begeisterten und jubelnden Menschen rechts und links der Gassen in der Ebene zu.

Auf dem Braunkohletagbau-Gelände wird Benedikt XVI. am Sonntagmorgen auch die Abschlussmesse des Weltjugendtages feiern. Hierzu werden mindestens 800 000 Pilger erwartet. Wie ein Weltjugendtagssprecher sagte, übernachten die Gläubigen aus fast 200 Ländern möglichst alle auf dem ehemaligen Braunkohletagebau. Die morgige Papstmesse bildet den Höhepunkt und Abschluss des sechstägigen katholischen WJT .

Kirche präsentiert sich als lebendige Weltkirche

Schon jetzt sind die Veranstalter und die jungen Pilger aus 197 Ländern - trotz einiger Pannen - zufrieden mit dem katholischen Nachwuchs-Treffen in Köln. Kamila Czajkowska (19) aus Polen war vor allem angereist, um den Papst zu sehen, und das ist ihr auch gelungen. „Ich hoffe, diese Begegnung macht mich zu einem besseren Menschen“, sagt sie. Die katholische Kirche kann zufrieden sein, denn die Bilder der Massen von beseelten jungen Gläubigen helfen ihr, sich als lebendige Weltkirche darzustellen. Und nicht zuletzt hat die Fernsehübertragung der Rheinfahrt des Menschenfischers Benedikt XVI. Köln einen weltweiten Werbeschub als Touristenmetropole beschert.

Mehr als 420 000 Weltjugendtags-Pilger hatten sich angemeldet, fast 400 000 waren bis Samstag tatsächlich vor Ort, Tendenz steigend. Knapp 10 000 Priester waren dabei, 759 Bischöfe, unter ihnen 60 Kardinäle. Und gut 7700 Journalisten verfolgten jeden Schritt des Papstes und trugen jedes Wort und jedes Bild in alle Welt hinaus. Nicht alles lief glatt, was an den spontanen Entscheidungen der Pilger lag. Sie waren in Schulen, Hallen und Privatquartieren von Bonn bis Düsseldorf untergebracht und sollten die meiste Zeit auch bei Konzerten, Gottesdiensten und Diskussionsrunden verbringen, die nahe den Unterkünften lagen. Aber der Kölner Dom entwickelte sich zu einer Art geistlichem und weltlichem Zentrum des Weltjugendtags. Viele reisten jeden Abend in die Kölner Innenstadt, um die Begegnung mit Gleichgesinnten aus aller Welt zu suchen.

Verkehr oft überlastet

Entsprechend überlastet waren die Züge. Der Hauptbahnhof wurde bis in die Nacht hinein immer wieder zeitweise geschlossen. Erst wenn die Bahnsteige sich leerten, durften die nächsten Pilger nachrücken. Probleme gab es auch bei der Essensverteilung, wenn die jungen Leute nicht dort waren, wo die Organisatoren sie vermutet hatten. Die Kölner, durch Rosenmontagszüge gestählt, blieben gelassen - und ließen sich mitreißen: „Es war nachts ziemlich lange laut“, sagt Erika Wolf (62), die in der City wohnt, „aber manchmal bin ich raus und habe mich dazugestellt, diese Stimmung ist einfach schön, wie sie ihre Lieder singen und tanzen.“

Eine Frau im Hauptbahnhof, die ihre schwere Tasche schnell die Treppe hoch schleppen wollte, stand am Samstag etwas ungeduldig in der Schlange. „Kann ich mal weiter?“, fragte sie. „Wir müssen alle weiter“, sagte der junge Pilger, mit Papst-Sticker, der vor ihr stand, „aber darf ich Ihre Tasche tragen?“ Die Szene war typisch für die Atmosphäre in Köln. „Das sind junge Leute wie alle anderen, aber da ist noch etwas mehr“, meint Erika Wolf. Das findet auch Beate Schneiderwind vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend. „Hier haben sich die Jugendlichen versammelt, die zu ihrem Glauben stehen. Sie suchen nach Sinn und Orientierung.“ Die internationalen Begegnungen und die spirituellen Angebote wie die Wallfahrt zum Dom seien für diese jungen Leute die Herzstücke des Weltjugendtags.

Lichtermeer in Marktl

Bei seinem Rückflug vom Weltjugendtag in Köln wird Papst Benedikt XVI. am Sonntagabend über seinem oberbayerischen Geburtsort Marktl am Inn auf ein Lichtermeer herabblicken können. Das Geburtshaus des Papstes werde während des Überflugs mit den Scheinwerfern der Feuerwehr angestrahlt, sagte Tourismuschef Stephan Semmelmayr der Nachrichtenagentur dpa in München. Außerdem sollen zahllose Kerzen und Taschenlampen aufleuchten. „Das wird ein Lichterspektakel.“

Der Lufthansa-Airbus mit dem Papst an Bord werde gegen 20.15 über dem oberbayerischen Ort erwartet. Mit Pilot Martin Ott sei ein Funkkontakt vereinbart. Er werde in niedrigerer Höhe über den Ort fliegen. „Die Gemeinde wird während des Überflugs mit dem Cockpit verbunden sein und durch Bürgermeister Hubert Gschwendtner Grüße in die Kabine übermitteln“, sagte Semmelmayr.

Für den Flug hat die Lufthansa mit Blick auf eine frühere Wirkungsstätte von Joseph Ratzinger den Lufthansa-Airbus A321 „Regensburg“ ausgesucht. Flugkapitän Ott hat 1978 bei Ratzinger in Regensburg Theologie studiert. Abweichend von der üblichen Flugroute nach Rom soll der Flug zahlreiche Wirkungsstätten von Ratzinger berücksichtigen - von Regensburg, Marktl am Inn bis hin zu Altötting, Freising und München.

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