Beutekunst
Wenn Kunst zum Symbol nationaler Stärke wird

Ein Chinese sabotiert die Versteigerung von Kunstschätzen, die vor 149 Jahren in Peking geraubt wurden. Es geht dabei nicht so sehr um Kunst, sondern um historische Wiedergutmachung.

DÜSSELDORF. Kunst, so behaupten Sonntagsredner, verbindet über alle Grenzen. Dass sie aber auch schnell zum internationalen Konfliktgegenstand werden kann, zeigt die verhinderte Versteigerung der Bronzetierköpfe (Bild) aus der Sammlung des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent. Die Besitzverhältnisse bei Kunstwerken mit historischem Wert symbolisieren politische Machtverhältnisse und Ambitionen. Die Sieger schreiben nicht nur die Geschichte, sie nehmen sich auch die Kunst.

Dass China auch in dieser Hinsicht kein Verlierer mehr sein will, belegen die Ereignisse in Paris. Fünf Tage nach der Auktion der Sammlung von Saint Laurent enthüllte Cai Mingchao, ein Berater des chinesischen Fonds für Nationalschätze, am Montag in Peking, für 31 Millionen Euro den Zuschlag für zwei wertvolle Bronzetierköpfe erhalten zu haben. "Ich möchte hervorheben, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Xinhua. Der Zweck seines Handelns sei die Verhinderung des Verkaufs der Kunstwerke an Dritte. Jeder Chinese hätte die Bronzefiguren ersteigern wollen, sagte Cai Mingchao. "Ich habe das im Namen des chinesischen Volkes getan", sagte Cai.

Die chinesische Regierung hatte vergeblich einen Stopp der Auktion der Bronzetierköpfe gefordert, war damit jedoch vor einem französischen Gericht gescheitert. Dass der Verkauf jetzt zumindest verzögert wurde, wird der Regierung daher nicht missfallen, auch wenn sie vorgibt, von der Aktion des selbstlosen Ersteigerers nichts gewusst zu haben. Ein Pekinger Parlamentssprecher jedenfalls jubelte über die "Lektion für die ganze Welt".

Ein Sprecher Pekings sagte, dass China über die "rechtmäßige Rückgabe" der Kunstschätze sprechen wolle. Der Besitzer der Werke, Saint Laurents Lebensgefährte Pierre Bergé, verlangte als Preis die "Freiheit Tibets". Der Hasen- und der Rattenkopf aus dem 18. Jahrhundert gehören zu einem Ensemble von zwölf Köpfen, die den chinesischen Kalender versinnbildlichen. Fünf der Köpfe sind inzwischen wieder in China. Der französische Jesuit Michel Benoist hatte sie für einen Brunnen im Sommerpalast des Kaisers Qianlong (1735 - 1795) entworfen.

Sie waren 1860 von französischen und britischen Soldaten entwendet worden und stehen daher auch für die Demütigung Chinas durch die europäischen Großmächte. Im Zweiten Opiumkrieg demonstrierte eine kleine Armee der beiden Kolonialmächte dem damaligen Kaiserreich seine hoffnungslose Rückständigkeit. Das Reich, das sich bis heute als das der "Mitte" betrachtet, versank bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1949 im Chaos von Bürgerkriegen und westlichen Interventionen. Weltwirtschaftlich interessant war China allein als Markt für Opium, an dem vor allem britische Händler und Banken, wie die 1865 gegründete Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC), verdienten.

Diese hundertjährige Geschichte der Demütigung zu revidieren ist zweifellos die Motivation hinter den Rückgabeforderungen. "Die Welt" berichtet, dass mehr als 100 000 Chinesen auf der Internetseite sina.com die Aktion ihres Landsmannes als patriotische Tat bejubelten.

Zur gleichen Zeit diskutierte man in Moskau den scheinbar endlosen Beutekunstkonflikt zwischen Deutschland und Russland. Auf einer Konferenz verabschiedeten Kunsthistoriker beider Länder eine Resolution, die die Regierungen drängt, Museen, Bibliotheken und Archive bei der Erfassung und Wiedergutmachung kultureller Kriegsschäden zu unterstützen - statt die Rückgabe zu fordern.

Russland hat die Verschleppung deutscher Kunstwerke als Entschädigung für Kriegsverluste nachträglich legalisiert. Dagegen betont Deutschland unter Berufung auf das Völkerrecht, dass Kunst nicht als Entschädigung für Kriegsverluste herhalten dürfe. Auf der Konferenz offenbarte sich nun eine neue russische Strategie: Die Kunsthistoriker rückten vor allem die vermissten russischen Kunstwerke ins Zentrum. In deutschen und westlichen Sammlungen könnten sich noch Kulturgüter der Sowjetunion befinden, hieß es. Klar wurde aber auch, dass Deutschland viele Kulturgüter zurückgegeben hat. Allerdings gelangten sie oft nicht an ihren Ursprungsort zurück. Deutschland will verhindern, dass durch schlechte Lagerung in Russland entstandene Schäden auf die "deutsche Kriegsrechnung" gesetzt werden.

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy verwies in Moskau auf in anderen Kriegen geraubte Trophäen, die manchmal nach Jahrhunderten wieder zum Ort ihrer Herkunft zurückkehrten "und erst so alte Wunden heilen konnten". Im Pariser Louvre beispielsweise befinden sich unzählige Kunstwerke, die Napoleons Truppen aus ganz Europa zusammentrugen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%