BHP und Vale in der Krise
Fataler Dammbruch schockt Brasilien

Nach einem Deichbruch an einem Bergwerk in Brasilien hat eine Schlammlawine die Region überrollt. Die Zahl der Opfer ist noch unklar. Die Betreiber – die größten Bergbaukonzerne der Welt – erwarten hohe Entschädigungen.

São PauloEs ist früher Nachmittag als am Donnerstag zwei leichte Erdstöße das zentrale Bergland von Minas Gerais erzittern lassen. Oder waren es Explosionen? Die wenigsten Einwohner in der Bergbauregion bekommen von den Erschütterungen der Stärke 3 auf der Richterskala etwas mit. Einige Menschen im 600-Einwohner-Örtchen Bento Rodrigues dagegen sehen jedoch kurz darauf eine Staubwolke aufsteigen bei der Stauanlage Fundão.

Aus einem Fahrzeug filmt jemand, wie sich eine immer größer werdende Staubwolke auf das sieben Kilometer vom Stausee entfernte Örtchen zubewegt. Später wird bekannt, dass eine Stauanlage geborsten ist. In die leitet das Bergwerkunternehmen Samarco Klärschlamm. Der entsteht, wenn der Konzern das dort abgebaute Eisenerz mit Wasser vermischt in die Pipeline einfüllt, durch welche die Schlämme 400 Kilometer bis an die Atlantikküste gepumpt wird.

Doch an Abbau ist jetzt nicht mehr zu denken: Eine gewaltige Schlammlawine schiebt Bäume, Felsen und Farmerhütten vor sich her, bis sie die Ortschaft erreicht. Dort bedeckt sie die Häuser, Straßen und Plätze mit einer 2,5 Meter hohen Schlammschicht. Die meisten Bewohner können evakuiert werden, auch in den nächsten Ortschaften, weil die Lawine an Geschwindigkeit verliert.

Am frühen Abend breitet sich die wegen des hohen Eisengehaltes rote Schlammdecke über acht Kilometer im Tal aus. Am Freitagnachmittag werden noch 16 Personen in der Gegend vermisst. Ein Mineningenieur starb am Herzinfarkt. Später wird bekannt, dass sogar gleich zwei Stauanlagen geborsten sind. Beide wurden von den Behörden noch im Juli getestet und als einwandfrei begutachtet. Unklar ist noch, ob der Schlamm toxisch ist. Ein Sprecher von Samarco erklärt, dass der Klärschlamm vorwiegend aus Silizium, als Sand bestehe und er keine Chemikalien beinhalte.

Der Grund für den Bruch der Stauanlagen ist bisher nicht bekannt. Sie kommen jedoch in der Bergbauregion Minas Gerais öfters vor. Erst 2014 war in 58 Kilometer Entfernung eine größere Stauanlage eines Minenbetreibers geplatzt. Drei Menschen starben damals.

Für Samarco ist das Unglück fatal: Der Eisenerzkonzern, der einst Arbed aus Luxemburg gehörte, ist inzwischen ein australisch-brasilianisches Tochterunternehmen. Der brasilianische Eisenerzriese Vale und der australisch-britische Konkurrent BHP Billiton teilen sich die Kontrolle des Konzerns – die Aktien der Unternehmen gaben an der Börse in Sao Paulo deutlich nach. Samarco ist der lukrativste Eisenerzförderer Brasiliens, möglicherweise sogar der Welt: Vom Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar in 2014 blieben mehr als 40 Prozent als Gewinn in der Kasse.

Die Entschädigungsforderungen dürften hoch ausfallen: Die Gegend um die nahegelegenen Barockstädten Mariana und Ouro Preto ist ein beliebtes Tourismusziel und Naherholungsgebiet der Bevölkerung der 3-Millionen-EInwohnerstadt Belo Horizonte. Samarco-CEO Ricardo Vescovi entschuldigte sich in einer Videobotschaft für den Unfall und erklärte dass der Konzern jetzt vor allem den Schaden für die Bevölkerung begrenzen wolle.

Doch das ist leichter gesagt als getan: Die Rettungsmannschaften können die von Schlamm überzogenen Ortschaft noch nicht betreten. Die Gefahr ist, dass auch die Helfer im tückischen Morast versinken.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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