Böse Erinnerungen werden wach
Suche nach zwei verschwundenen Kindern in Belgien

Sofort wurden in Belgien böse Erinnerungen wach. Als vor einigen Tagen in Lüttich zwei kleine Mädchen verschwanden, kamen umgehend Parallelen zur Sprache. Doch anders als vor elf Jahren reagierten die Behörden im Fall von Stacy und Nathalie schnell.

HB BRÜSSEL/LÜTTICH. Der Fall erinnert die Belgier unweigerlich an das traurige Schicksal von Julie und Melissa: Die vor elf Jahren an einem Sommertag bei Lüttich entführten Mädchen wurden später tot im Garten des inzwischen verurteilten Kinderschänders Marc Dutroux gefunden.

Die groß angelegte Suchaktion nach den nun verschwunden Kindern samt 30 000 Plakaten im ganzen Land blieb allerdings tagelang ohne greifbares Ergebnis. Die Polizei fahndete öffentlich nach einem vorbestraften Sexualtäter, der seit dem Verschwinden der Mädchen nicht mehr gesehen ward. Der Mann meldete sich am Dienstagabend bei den Fahndern, lieferte aber keine konkrete Spur und bestritt jede Verwicklung in den Fall. Die öffentliche Erregung blieb groß.

„Marc Dutroux hat die Mentalität und die Organisation dieses Landes gründlich verändert“, schrieb „De Morgen“-Chefredakteur Yves Desmet: „Alles wird ins Werk gesetzt, um eine Wiederholung der Dinge zu vermeiden, ein ganzer Behördenapparat hat sich strukturell verändert, um diese Aufgabe auch erfüllen zu können. Ein beunruhigendes Verschwinden von Minderjährigen ist nicht länger ein banales Ereignis, sondern nationaler Nachrichtenstoff erster Ordnung, auf den auch die Behörden entsprechend reagieren.“

Tatsächlich hat das Verschwinden von Nathalie und Stacy die politisch brisanten Korruptionsskandale der belgischen Sozialisten radikal aus den Schlagzeilen verdrängt. In vergleichbaren Fällen der vergangenen Monate tauchten die Verschwundenen nach ein oder zwei Tagen meist wohlbehalten wieder auf. Von der zehnjährigen Nathalie und ihrer siebenjährigen Stiefschwester Stacy fehlte aber am Mittwoch bereits am fünften Tag in Folge jede Spur.

Unterdessen wurden Einzelheiten über das familiäre Umfeld der beiden Mädchen bekannt, die auch deren Flucht aus den chaotischen Verhältnissen möglich erscheinen lassen. Die Eltern hatten das Verschwinden der beiden Kinder am Samstag früh um zwei Uhr bemerkt, als sie nach ihrem Zechgelage eine Kneipe in Lüttich verließen. Sie leben mit sechs Kindern aus verschiedenen Partnerschaften in zwei Wohnungen am Stadtrand, wo Reporter nach eigenem Bekunden „buchstäblich über Spielzeug, Aschenbecher und Bierbüchsen stolperten“.

Das Jugendamt entzog dem Paar inzwischen das Sorgerecht für seine Sprösslinge. Die beiden ältesten Kinder der von Arbeitslosengeld lebenden Mutter wohnen schon länger bei ihrem leiblichen Vater. Besuche bei der Mutter scheuen sie, weil deren Lebensgefährte vor allem unter Alkoholeinfluss aggressiv wird, wie Verwandte berichten. Der Stiefvater habe die Mutter vor den Augen der Kinder geschlagen, bestätigte deren 21-jähriger Sohn Jocelyn. Daran habe sich auch die zehnjährige Nathalie sehr gestört: „Sie war dort nicht mehr gerne."

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