Die schärfsten Kritiker kommen aus Deutschland
Porträt: Joseph Ratzinger, der Bewahrer

Joseph Ratzinger ist Papst Bendikt XVI. Der Mann mit den eisgrauen Haaren ist umstritten. Besonders in seiner Heimat gilt er als Symbol für Dogmatismus und Konservatismus.

HB BERLIN. Ratzinger wirkte ergriffen und demütig, als er sich unmittelbar nach der Wahl zum neuen Papst den jubelnden Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom zeigte. Dabei gehören Rührung und Demut eigentlich nicht zu den Eigenschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten mit dem früheren Bischof von München-Freising und neuen Papst Benedikt XVI. verbunden wurden: Als streng und belehrend wird der aus dem bayerischen Marktl am Inn stammende Kurienkardinal beschrieben, aber auch als brillant. Als Präfekt der römischen Glaubenskongregation war Ratzinger bisher der oberste Hüter der katholischen Lehre.

Mit welcher Strenge er diese Aufgabe erfüllte, zeigt ein verbreiteter Witz über Ratzinger. Wo andere Katholiken beteten „Lieber Gott, mach mich fromm, damit ich in den Himmel komm!“, laute Ratzingers Nachtgebet: „Lieber Gott, ich mach Dich fromm, wenn ich in den Himmel komm!“ Allerdings wird dem Sohn eines Gendarmeriemeisters und späteren Theologieprofessors so viel Humor nachgesagt, dass er darüber wohl selbst lachen würde.

Mit seiner Unnachgiebigkeit in vielen Streitfragen machte Ratzinger sich nicht beliebt bei vielen Katholiken, die auf Aufbruch und Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre drängten. In den achtziger Jahren stoppte er die lateinamerikanische „Theologie der Befreiung“ mit disziplinarischen Maßnahmen. Er verteidigte das kategorische Nein Roms zum Priestertum der Frau und die harte Linie gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen sowie die Lehre von der Vorherrschaft der katholischen Kirche vor allen anderen Glaubensgemeinschaften.

Vor allem in Deutschland sahen viele Katholiken, Laien wie Geistliche, ihre Bemühungen um Reformen von ihrem Landsmann in Rom verhindert. Ihre Proteste gegen die Ernennung von Bischöfen gegen den Willen der Gläubigen und gegen den von Rom verordneten Ausstieg der deutschen Bistümer aus der Schwangerenkonfliktberatung richteten sich nicht nur gegen den Papst, sondern auch gegen seinen Vertrauten Ratzinger. Ihr bitterer Witz lautete, Ratzinger habe sich ein französisches Bett gekauft: „Damit er sich auch im Schlaf noch quer legen kann.“

Dabei schien Ratzinger zu Beginn seiner Laufbahn Reformen durchaus nicht abgeneigt. Als offizieller Theologe des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965 stand er hinter der Botschaft vom Aufbruch der Kirche. Auch später signalisierte er größere Offenheit, etwa in Debatten mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Seinen Ruf als Hardliner, Reformblockierer und Traditionsbewahrer wurde er dennoch nicht los. Die gut 23 Jahre an der Spitze der Glaubenskongregation waren prägend - für die Kirche und für Ratzinger.

Welche Bedeutung dieses Image im Konklave hatte, blieb wegen der geheimen Wahl einstweilen unklar. Er wurde als Favorit gehandelt, weil sein hohes Alter für eine begrenzte Amtszeit spricht, in der die Kirche nach dem langen Pontifikat Johannes Paul II. grundlegende Richtungsentscheidungen treffen könne.

Nach knapp 23 Jahren in Rom gilt Ratzinger als gewiefter Kenner der vatikanischen Strukturen, aber auch als Insider mit wenig Kontakt zur Kirche "draußen". Als Europäer steht er zwischen den aufstrebenden Kirchen Lateinamerikas und Asiens, aber auch für eine durch die säkularen Gesellschaften Europas herausgeforderte Kirche.

Der Sohn eines Gendarmeriemeisters aus Marktl am Inn hatte schon als kleiner Junge den Wunsch, Kardinal zu werden. Nach Theologie- und Philosophiestudium wurde er 1951 zu Priester geweiht, mit nur 30 Jahren habilitierte er und wurde Dogmatik-Professor an der Freisinger Hochschule. Die Wissenschaft hatte ihn gepackt, später lehrte er in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 wurde er zum Erzbischof von München und Freising berufen, wenig später zum Kardinal.

Der ganz große Karrieresprung kam 1981. Papst Johannes Paul II. berief Ratzinger nach Rom. Der Posten des Präfekten der Glaubenskongregation war dem kühlen und strengen Denker wie auf den Leib geschrieben. Mit dem Papst sprach Ratzinger Deutsch - aber auch ansonsten lagen die beiden in Glaubensfragen strikt konservativen Männer auf einer Wellenlänge.

In Deutschland gilt der Mann mit den eisgrauen Haaren schlichtweg das Symbol für Dogmatismus und Konservatismus. In vielen Ländern wird er, trotz mancher Kritik, dagegen einfach als „Bewahrer“ angesehen - was in Zeiten dramatischen gesellschaftlichen Wandels durchaus anerkennend gemeint ist.

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