Ein vergessenes Musik-Genre soll populärer werden
Single-Party und Führungskräfte-Show für die Operette

Weltweit wirbt Yvonne Kálmán bei Theaterintendanten, die legendären Operetten ihres Vaters wieder aufzuführen. Derweil kombiniert die Komische Oper Berlin „Die Csárdásfürstin“ des ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán (1882- 1953) mit einer Single-Party - um mehr junges Publikum zu locken. Die Staatsoperette Dresden hat es auf Führungskräfte abgesehen: Zum Saisonstart werden sie in eine Operetten-Show eingeladen.

HB/dpa DRESDEN/BERLIN. Die Aktionen dienen nur einem Ziel: Das seit Jahrzehnten in Deutschland stiefmütterlich behandelte Genre Operette wieder beliebter zu machen. „Früher gab es an jedem Stadttheater ein Operetten-Ensemble“, sagt der Intendant der Dresdner Staatsoperette, Wolfgang Schaller. Doch im 20. Jahrhundert sei das musikalische Unterhaltungstheater in Misskredit geraten - erst durch die Nationalsozialisten, dann durch die sozialistische Kulturpolitik im Osten Deutschlands. Von den reinen Operettentheatern in Deutschland ist nur noch eines übrig geblieben - die Staatsoperette in der sächsischen Landeshauptstadt.

Im vergangenen Herbst stand auch diese vor dem Aus, doch die Schließungspläne der Stadt stießen auf bundesweite Proteste. „Leider halten viele Intendanten die Operette für eine Klamotte. Es ist so schade“, beklagt Yvonne Kálmán. Seit mehr als 20 Jahren reist die Tochter des ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán („Faschingsfee“, „Gräfin Mariza“, „Die Zirkusprinzessin“) um die Welt, um für dessen musikalisches Erbe zu werben. „Ich wollte die Werke des Vaters dorthin bringen, wo sie noch keiner gesehen hat“, sagt die 65-Jährige, die in Los Angeles und München lebt. So holte sie die „Csárdásfürstin“ in die USA, und auch in Australien stießen Kálmán-Operetten auf Begeisterung.

„Wo immer ich eine Gelegenheit sehe, setze ich mich bei der Premiere ins Publikum“, berichtet die Komponisten-Tochter. „Es macht mir Freude.“ Dann beobachtet sie, dass auch viele jüngere Leute unter den Operetten-Fans sind. Die Zahl der jungen Leute im Publikum sei gestiegen, berichtet Schaller. 14 Prozent der Besucher des Dresdner Operettenhauses sind Schüler und Studenten. Gäste der „reiferen Jahrgänge“ sind allerdings die große Mehrheit in der Staatsoperette, die im Durchschnitt zu 84 Prozent ausgelastet ist.

Die Komische Oper Berlin - bis 1945 erste Adresse der Stadt in Sachen Operette - will nun das Erotik-Potenzial rund um die Operette erhöhen, um wieder mehr junge Menschen ins Haus zu locken. Am 12. September, zur Premiere der „Csárdásfürstin“, bekommen die Zuschauer eine Nummer ans Revers geklebt. Via Tafel im Foyer können die Zuschauer dann ihrem Favoriten eine Nachricht übermitteln.

Bei positiver Resonanz sollen solche Single-Abende regelmäßig folgen. Eigentlich soll aber die Operette selbst schon genügend Vergnügen bieten. „Auf Basis des holden Unsinns wollen wir die Leute becircen“, meint der Dresdner Intendant. Das musikalische Unterhaltungstheater habe einen ähnlichen Grad von Absurdität wie Comedy-Clubs. „Die Grundverabredung ist: Wir nehmen eine farbige Geschichte mit exotischen Spielorten und drapieren sie mit wunderschöner Musik.“ Aus diesem scheinbaren Unsinn heraus könnten die Herzen des Publikums tiefer erreicht werden als im ernsten Theater, meint Schaller.

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