Evangelische Bischöfin Käßmann wünscht sich Nachfolger mit Mut zu Reformen
Vorsichtige Kritik an Johannes Paul II.

HB BERLIN. Der am Samstag gestorbene Papst Johannes Paul II. hat nach Ansicht des Schweizer Theologen Hans Küng der katholischen Kirche eine «schwere Erblast» hinterlassen. Die persönliche Frömmigkeit und das Engagement des gestorbenen Kirchenoberhaupts sei unbestritten, schreibt Küng in der «Sonntags-Zeitung»: «Innerhalb der Kirche aber herrscht eine Hoffnungs- und Vertrauenskrise.»

«Die Innenpolitik des polnischen Papstes war verheerend», schreibt Küng weiter. Viele Bischöfe seien mittelmäßig oder unfähig, es fehle an qualifiziertem Priesternachwuchs. «Viele hoffen jetzt auf einen Papst, der den Reformstau abbaut.» Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete 75-jährige Küng lehrt in Tübingen. Wegen seiner Kritik am Papsttum entzog ihm der Vatikan 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis.

Auch die hannoversche evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann wünscht sich, dass der nächste Papst Mut zu Reformen hat. «Es ist zu hoffen, dass ein neuer Papst die Medienfähigkeiten von Johannes Paul II. verknüpfen kann mit Innovation nach innen, mit Reformwillen, Offenheit, Demokratie, Frauenförderung, Transparenz», sagte sie. Vieles davon habe bei Johannes Paul II. gefehlt. Sein Pontifikat habe etwa in Fragen der Frauenordination, der Ökumene und der Schwangerschaftskonfliktberatung keine Fortschritte gebracht.

Die Russische Orthodoxe Kirche hofft nach dem Tod von Johannes Paul auf einen Neuanfang in den Beziehungen zur katholischen Kirche. «Ich hoffe, dass die beginnende neue Periode im Leben der römisch-katholischen Kirche dabei hilft, Beziehungen gegenseitiger Achtung und brüderlicher christlicher Liebe zwischen unseren Kirchen wiederherzustellen», so der Leiter des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Kyrill.

Die Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche waren während des Pontifikats von Johannes Paul II. in eine schwere Krise geraten. Das Moskauer Patriarchat wirft dem Vatikan vor, in den traditionell orthodoxen Ländern der ehemaligen Sowjetunion aktive Missionsarbeit zu betreiben. Insbesondere kritisieren die Orthodoxen die ihrer Meinung nach aggressive Expansion der an den Vatikan gebundenen griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Bis zuletzt hatte sich das Moskauer Patriarchat geweigert, einer Russland-Reise des Papstes zuzustimmen.

In Frankreich ergab eine Umfrage, dass sich 53 Prozent der Franzosen einen «progressiveren» Papst wünschen. Nur halb so viel sind für die Fortsetzung der bisherigen Vatikanpolitik. Dabei sind sieben von zehn Franzosen mit Johannes Paul II. zufrieden gewesen. Katholiken, Juden und Muslime sind gleichermaßen beeindruckt von seiner Spiritualität.

Doch das neue Jahrtausend erfordert nach Einschätzung der Franzosen neuen Mut zu Reformen in der Kirche. Besonders kritisch sehen sie die Ablehnung von Verhütungsmitteln und Abtreibung, das Zölibat und die Marginalisierung von Kirchendissidenten wie der Theologie der Befreiung. Viele sagen, ein Südamerikaner oder Afrikaner könne der Kirche einen Modernisierungsschub bringen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%