„Felix Krull“ in Amerika
Ein falscher Rockefeller aus Oberbayern

Ein kurioser Kriminal-Fall versetzt ganz Amerika in Staunen: Ein Deutscher gab sich jahrelang als Rockefeller aus - bis er seine Tochter kidnappte. Am Dienstag begann der Prozess gegen einen der wohl geschicktesten mutmaßlichen Betrüger der Welt.

BOSTON. Für den eisernen Don Conley ist der Fall ganz klar: „Clark Rockefeller ist Zentrum des längsten Schwindels, den ich je in meiner ganzen langen Zeit erlebt habe!“ Und Don Conley hat schon ne Menge Schwindel und Betrug in seinem Leben erlebt. Er ist Staatsanwalt in Boston. Doch der Fall „Clark Rockefeller“ schlägt alle anderen. Denn Clark Rockefeller heißt eigentlich Christian Karl Gerhardsreiter und der ist, wie der Name fälschungssicher belegt, ein 48-Jähriger aus Siegsdorf in Oberbayern. Hätte Gerhardsreiter nicht vergangenen Sommer seine eigene Tochter entführt, wäre der Schwindel des falschen Rockefeller wohl nie aufgeflogen. Jetzt aber wird ihm der Prozess gemacht.

Der Staatsanwalt sieht in ihm einen modernen Felix Krull, der 29 Jahre lang die höchsten Kreise in New York, Boston und in ganz Amerika an der Nase herum hat. Die Verteidigung des Deutschen erkennt einen tief gestörten und depressiven Mann mit akutem Gedächtnisschwund, der in einem Scheidungsverfahren alles verloren hat, was ihm lieb und teuer war: seine siebenjährige Tochter Reigh, genannt „Snooks“.

Alle, die sich an den Mann mit der breiten schwarzen Brille vor den traurigen Augen und über den notorisch nach unten gebogenen Mundwinkeln erinnern, sehen in ihm noch immer den Spross der megareichen und megamächtigen Rockefeller-Dynastie in New York. Die hatte Standard Oil gegründet und wurde darüber steinreich. Allen hat der Deutsche eineinhalb Jahrzehnte lang weismachen können, dass er mit allem New Yorker Pomp an Manhattans noblem „Sutton Place“ aufwuchs, mit Kindermädchen, Butler, Chauffeur - und so.

Nachdem er dann angeblich die Universität Yale mit einem Superexamen von seinem Genie überzeugen konnte und dann auch schnell zum „Astrophysiker“ aufstieg, war er schnell noch Risikokapitalgeber für lauter tolle Startups und obendrein - selbstverständlich - ein höchst erfolgreicher Filmproduzent in Hollywood, Los Angeles. Sein tollster Streifen: Das Leben des Clark Rockefeller.

In Wahrheit war der Rockefeller aus Oberbayern nur einer der findigsten Gaukler dieser Welt. Und das die meiste Zeit in einer Stadt der USA, deren oberen Kreise, in denen er wie selbstverständlich verkehrte, sich für die belesensten und aufgeklärtesten in der ganzen Welt hält. In Boston lebte der Mann aus Bayern in einem 2-Millionen-Dollar-Anwesen in Beacon Hill. Nobler geht es gar nicht mehr.

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