Forscher bezweifeln die Effizienz von Ernährungskommunikation
Lieber ungesund und fettig

"Was ist typisch deutsches Essen?" lautet die Frage in einem Internet-Kochforum. "Schweinebraten", meinen die meisten Forumbesucher, "Tiefkühlpizza und Pommes" werden auch genannt. Angesichts solcher Kommentare verwundern die Ergebnisse einer gerade veröffentlichten Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) kaum.

DÜSSELDORF Demnach sind die Deutschen die dicksten Europäer: Drei Viertel der erwachsenen deutschen Männer und mehr als die Hälfte der Frauen haben Übergewicht. Die Politik reagierte erschreckt auf die IASO-Befunde. Wegen der gesundheitlichen Folgewirkungen stellten Übergewicht und Fettleibigkeit "ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem dar, dem entgegengewirkt werden muss", sagte Horst Seehofer (CSU), Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Vor allem eine bessere Aufklärung sei nötig. Am 10. Mai will Seehofer in einer Regierungserklärung einen konkreten "Aktionsplan Ernährung" vorstellen.

Doch zeigen nicht gerade die Ergebnisse der Studie, dass das Gerede über eine gesunde und ausgewogene Ernährung gar nichts nutzt? Denn schließlich werden für kaum etwas öffentlich mehr Ratschläge erteilt als für vernünftige Essgewohnheiten. Die zuständigen Ministerien, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Verbraucherverbände, die Krankenkassen, die Wissenschaft, die Lebensmittelindustrie – sie alle propagieren Ideale für die Nahrungsaufnahme. Aber kaum etwas ignorieren die Menschen offensichtlich so konsequent wie ebenjene Empfehlungen. Wohlstandskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit – die so genannte Adipositas – zeugen davon.

Wissenschaftler untersuchen schon seit längerem die öffentliche Ernährungskommunikation, also jene Aufklärung und Information, die auf die gesamte Bevölkerung zielt – jenseits der persönlichen Ernährungsberatung. Sie versuchen auch zu ergründen, warum die Durchschlagkraft entsprechender Kampagnen begrenzt ist. "Bei der großen Masse kommt nichts an", sagt der Konsumhistoriker Uwe Spiekermann von der Universität Göttingen.

"Das Essverhalten wird in erster Linie sinnlich über Mund und Nase gesteuert und nicht über den Kopf", sagt Barbara Methfessel, Professorin für Ernährungswissenschaften und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Der Verbraucher werde aber vor allem mit Daten überschüttet: "Es herrscht die magische Vorstellung, dass auf Papier manifestierte Fakten in jedem Fall in das Bewusstsein dringen." Abgesehen davon, dass eine solche Auseinandersetzung mit Ernährung laut Methfessel als genussfeindlich erlebt wird, wird Aufklärung oft auch als Bevormundung empfunden. "Die Menschen lassen sich aber nur ungern belehren, wenn es um so persönliche Dinge wie das eigene Frühstück geht." Auch Spiekermann kritisiert das gängige Prinzip der "Fremdbeglückung". Mit lustfeindlichen Kampagnen werde Essen auf Ernährung reduziert.

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