Gefängnisse in Brasilien
Bandenkriege außer Kontrolle

Brasiliens Gefängniswärter sind nicht mehr als hilflose Statisten. Tobende Bandenkriege in den Gefängnissen fordern hunderte Todesopfer. Die Regierung weist alle Verantwortung von sich – doch die Folgen sind erheblich.
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Boa VistaDas Morden nimmt kein Ende. 60 Tote in Manaus am Montag, 31 Tote im Gefängnis Monte Cristo bei Boa Vista am Freitag: Knapp 100 Häftlinge sind seit Jahresbeginn in Nordbrasilien in einem Bandenkrieg getötet worden. Die Zahlen deuten darauf hin, dass 2017 die 400 Toten des Vorjahres noch weit übertroffen werden könnten.

Die Haftbedingungen in Monte Cristo seien „miserabel“, hatten Inspekteure der brasilianischen Justizaufsicht CNJ schon im September 2016 befunden. In dem größten Gefängnis von Roraima sollten maximal 750 Häftlinge einsitzen, es waren aber insgesamt 1398 Verdächtige und Angeklagte in Untersuchungshaft sowie Verurteilte eingeliefert worden. Auch konnten die Insassen offenbar ungehindert mit der Außenwelt kommunizieren: Bei einer Durchsuchung wurden 133 Mobiltelefone beschlagnahmt.

Die Lage in Monte Cristo ist bezeichnend für das Strafvollzugssystem in ganz Brasilien. Die Zahl der Insassen ist landesweit fast doppelt so hoch wie die Kapazität der Haftanstalten. Kriminelle Banden organisieren sich in den Gefängnissen, wo sie untereinander unter anderem um die Kontrolle des Drogenhandels ringen. Sie stehen sowohl mit der Außenwelt in Verbindung als auch mit den Insassen anderer Gefängnisse.

Meutereien und Fehden sind die Folge. Wie am Montag, als es in vier Anstalten im Bundesstaat Amazonas zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter Häftlingen kommt. In dem Gefängnis Anísio Jobím am Rande von Manaus liegen am Ende der Revolte 56 Häftlinge tot in Containern, zum Teil enthauptet und zerstückelt. In drei weiteren Haftanstalten im Amazonas kommt es zu weiteren Meutereien und Zusammenstößen der Insassen, dort gibt es vier Tote.

Wenige Tage später folgt nun eine vermeintliche Vergeltungsaktion in Monte Cristo. Die Täter seien von der berüchtigten Bande Preimeiro Comando da Capital (PCC), heißt es, wie die meisten Opfer der Vorfälle in Manaus. Die Behörden winken jedoch ab: Es sei keine Rache gewesen, sondern ein internes Problem unter den Insassen, sagte Justizminister Alexandre de Moraes.

Die Sicherheitskräfte können das Geschehen innerhalb der Haftanstalten kaum kontrollieren. Sie beschränken sich darauf, die Insassen in Gewahrsam zu halten. Aber auch dies gelingt ihnen nicht immer. Bei den Revolten zu Beginn der Woche flüchteten insgesamt knapp 200 Gefangene, von denen nur 40 unmittelbar danach wieder gefasst werden konnten. In den Gefängnissen der Bundesstaaten ist die Aufgabe der Sicherheit in vielen Fällen an private Unternehmen übertragen worden.

Die Bundeshaftanstalten gelten als sicherer. Von denen gibt es aber nur vier in ganz Brasilien, eine weitere soll gegen Jahresende eingeweiht werden. Staatspräsident Michel Temer reagierte erst am Donnerstag auf das Massaker vom Wochenbeginn mit der Ankündigung, es sollten weitere fünf Gefängnisse gebaut werden. Man müsse dort die Anführer der kriminellen Banden einliefern, um sie von weniger gefährlichen Häftlingen zu trennen.

Auch der starke Anstieg der Häftlingszahl in den vergangenen Jahren wurde von der Regierung kritisiert. „Wir verhaften viel, aber falsch“, sagte Justizminister Alexandre De Moraes. Gewaltfreie Verbrechen sollten anders als die Taten von Schwerverbrechern behandelt werden.

Temer erntet trotz der Ankündigung eines neuen Sicherheitsplans Kritik, weil er die politische Verantwortung des Staates in Abrede stellt. Die Sichtweise des Präsidenten lautet: Die Vorfälle in Manaus seien ein „schreckliches Unglück“.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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