Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“
Grün, rot – und vorn

Wie Umweltschützer Lo Szeping Greenpeace in China etablierte, Umweltskandale aufdeckt und sich für seine Arbeit dennoch den Beifall der kommunistischen Regierung sichert.

PEKING. Der Zeitungsausschnitt ist völlig vergilbt. An den Rändern wölbt sich das Papier. Ein Datum ist nicht mehr erkennbar. Er zeigt das Foto eines etwa dreijährigen Mädchens, das auf Kabeln, Kupferspulen und Platinen hockt – auf giftigem Elektroschrott, der darauf wartet, dass er zerhäckselt und eingeschmolzen wird.

Täglich kommt Lo Szeping an diesem Bild vorbei. Es hängt im Gang vor seinem Büro. Anschauen muss er das Foto nicht mehr, es hat sich schon lange in sein Gedächtnis eingebrannt und erinnert ihn stets an seine Vorsätze, wenn der Frust über den Alltag überhandzunehmen droht. Das Kind, das den Fotografen mit großen Augen anschaut. Und die Frage, die dieses Bild bei Lo auslöst: Wie alt wird dieses Mädchen werden? Seine Antwort: „Vielleicht 40, wenn es Glück hat.“

Das Kind wächst in einem der Landkreise Südchinas auf, wo Menschen davon leben, ausrangierte Computer und Elektrogeräte aus aller Welt auszuschlachten, wo sie in Säurebädern Edelmetalle von Computerchips ablösen und dabei beißende Dämpfe einatmen, wo sie den Restmüll des Informationszeitalters in Flüsse werfen, in denen sie ihre Wäsche waschen.

Lo Szeping arbeitet im Pekinger Stadtteil Chaoyang. Viele Diplomaten arbeiten hier, viele westliche Unternehmen haben hier Quartier genommen. Los Büro liegt in der obersten Etage eines hellgelben Bürohauses. Im Erdgeschoss brennen die Betreiber von „Lucky Dragon“ Digitalfotos auf CD. Im 19. Stock kämpfen Lo und seine Mitstreiter dafür, dass der digitale Abfall der Welt nicht mehr ganze Landstriche in China verseucht und die Lebenserwartung der Menschen dort so drastisch senkt.

Und nicht nur dafür: Sie wollen, dass Chinas Wirtschaft nicht mehr auf Kosten von Mensch und Natur wächst. Sie, das sind die mehr als 50 Mitarbeiter von Greenpeace in China. Lo Szeping ist ihr Vorarbeiter, der oberste Kampagnenleiter der Umweltschutzorganisation in China, 35 Jahre alt, aufgewachsen in Hongkong, politisch sozialisiert durch die Studentenrevolte von 1989.

Ein kleiner, kräftiger Mann mit kurzen Armen. Sie gehören einem Wühler, einem, der sich eingräbt in seine Arbeit, in die Missstände dieses Landes. Der Wege freilegt, um darauf aufmerksam zu machen – obwohl die Regierung so wenig Demokratie und Opposition wie nötig zulässt. Ein ruheloser Mann, der unablässig die Kaffeetasse in seinen Händen dreht, wenn er über seine Arbeit spricht, seine schier aussichtslose Mission.

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