Historiker Fritz Stern ist tot
Deutschland und USA verlieren ihren Brückenbauer

Fritz Stern hätte einer der entschiedensten Kritiker des jungen Deutschlands werden können. Stattdessen nahm er den Amerikanern die Angst vor dem alten Dämon. Das Werk des gestorbenen Historikers wird lange nachhallen.

New YorkZum Schluss konnte man meinen, das Alter habe Fritz Sterns Verstand langsam eingeholt. Lang, sehr lange dachte der Historiker nach, bevor er im Interview eine Frage beantwortete. Doch nach diesen Denkpausen saßen seine Sätze präzise und treffsicher. Der Verdienst Sterns, der für seine Geschichtsforschung mit Auszeichnungen überschüttet wurde, ist kaum zu bemessen. Und er war einer, der sich einmischte. Mit seinem Tod im Alter von 90 Jahren verlieren die USA und Deutschland einen ihrer wichtigsten Beobachter.

Vielleicht ist es Sterns Entdämonisierung der deutschen Jahre unter der Nazi-Herrschaft, die auch über seinen Tod hinaus am meisten nachwirken wird. Keiner Geringeren als der britischen Premierministerin Margaret Thatcher versuchte Stern 1990 klarzumachen, dass von einer wiedervereinigten Bundesrepublik keine Gefahr ausgehe. „Ich glaube nicht, dass wir erfolgreich waren“, erinnerte er sich im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur im Februar an diese Begegnung. „Aber versucht haben wir es.“

1926 kam Stern in Breslau als Sohn jüdischer Eltern zur Welt, bei seiner protestantischen Taufe war der Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber Pate und Namensgeber. Mit seinen Eltern floh Stern 1938 vor den Nazis in die USA, wo er 1947 eingebürgert wurde - keine Selbstverständlichkeit also, dass sich Stern so für die junge Bundesrepublik einsetzte. Für das Geschichtsstudium an der renommierten Columbia University in New York entschied sich Stern, obwohl ihm Nobelpreisträger Albert Einstein zu Medizin geraten hatte.

Sein beachtlicher Gang durch die akademische Welt führte ihn nach seinem Doktortitel unter anderem nach Princeton, an die Pariser Sciences Po sowie an die Freie Universität Berlin (1954) und die Universität Konstanz (ab 1966). Vielbeachtete Vorträge und Schriften zum Nationalsozialismus und der politischen Tradition Deutschlands machten ihn bald zu einem der bedeutendsten angelsächsischen Historiker der Gegenwart. Wie sehr die Meinung des Deutschland-Kenners auch jenseits des Atlantiks geschätzt wurde, zeigt seine beratende Tätigkeit für das US-Außenministerium Mitte der 1960er Jahre.

Als Stern 1987 als erster ausländischer Staatsbürger vor dem Bundestag zum Volksaufstand in der DDR sprach, wurde sein Name auch in der deutschen Bevölkerung bekannter. Stern betonte, der Aufstand des 17. Juni 1953 sei ein Aufstand für „ein besseres, ein freieres Leben gewesen“. Stern blieb stets kritisch, wenn er etwa den „Grad der Bedrücktheit“ nach der Wiedervereinigung bemängelte. Große Debatten fehlten ihm, als Ost- und Westdeutschland zueinander gefunden hatte, auch die Aufbruchstimmung sei ausgeblieben.

Auch seine Einmischung in aktuelle politische Debatten brachte ihm in den Kinder- und Jugendjahren der frühen Bundesrepublik den Titel einer „intellektuellen wie moralischen Autorität“, wie die „Welt“ 2006 schrieb. Auszeichnungen wie der Orden pour le Mérite, das Bundesverdienstkreuz und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels festigen diese Autorität dies- und jenseits des Atlantiks.

Auch angesichts Terrorismus, Konflikten und eines angeschlagenen Verhältnisses zwischen Washington und Berlin verlor der Historiker die Hoffnung nicht. „Die Freiheit ist zerbrechlich“, warnte er zwar im Februar angesichts des politischen Rechtsrucks in Europa. Doch für das von einer Flüchtlingskrise geschüttelte Deutschland und eine auseinanderdriftende Europäische Union verwies Stern auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Werdegang er als „bewundernswert“ bezeichnete. Stern sagte „Ob es Frau Merkel gelingt, die EU zusammen zu halten, weiß ich nicht - ich glaube, sie wird es schaffen, und man muss hoffen.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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