#IceBucketChallenge kehrt zurück
Eis von gestern

Letztes Jahr hat die „Ice Bucket Challenge“ Millionen Euro Spenden für die Nervenkrankheit ALS eingespült. Jetzt wollen die Initiatoren den Hype wiederholen. Aber da wieder mitzumachen, wäre doch irgendwie uncool, oder?
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DüsseldorfDie „Ice Bucket Challenge“ soll wiederkommen, und die erste Reaktion in der Redaktion war: Wirklich? Schon wieder?!

Im vergangenen August hatte die US-Non-Profit-Organisation ALS Association einen Hype im Internet ausgelöst: Prominente wie Microsoft-Gründer Bill Gates und Ex-US-Präsident George Walker Bush sowie Millionen andere Menschen aus allen möglichen Ländern stellten Videos ins Netz, wie sie sich einen Eimer voller Eiswasser über den Kopf gossen – für einen guten Zweck: Die nassen Teilnehmer spendeten weltweit 220 Millionen Dollar an ALS-Einrichtungen. Sie unterstützten so hauptsächlich die Forschung nach einem Heilmittel für die Nervenkrankheit und verbesserten auch die Pflege von Patienten.

Kein Wunder, dass die Organisation diesen Hype wiederholen möchte: Die Aktion mit den Hashtags #ALSIceBucketChallenge oder #IceBucketChallenge soll nun jedes Jahr durchs Web gejagt werden, solange bis ein Heilmittel gefunden wurde. Fraglich ist allerdings, ob das Netz da mitmacht.

Die „Ice Bucket Challenge“ im Sommer 2014 hatte etwas Anarchisches an sich: Sie startete als kleine, nett gemeinte Aktion und erfasste hunderttausende Menschen - egal wie reich oder wie prominent -, gab einer bis dato relativ unbekannten Krankheit eine Öffentlichkeit und sammelte Millionen Spenden ein. In einem Anflug von Altruismus spülte das Netz-Kollektiv die Shitstorms beiseite und machte in pitschnasser Demut die Welt ein Stückchen besser. Aber irgendwann hat es auch gereicht.

Die ALS-Ambulanz in der Berliner Charité erhielt 1,6 Millionen Euro und hat mit dem Geld eine neue Stelle geschaffen, bei der amerikanischen ALS Association gingen umgerechnet 92 Millionen Euro ein. Das ist wunderbar, vor allem für die 8000 von ALS betroffenen Menschen und ihren Angehörigen. Doch der Hype hat seinen Höhenflug beendet, wer sich jetzt noch einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet, der nutzt auch noch ICQ, wählt sich mit AOL ein und hat t-online.de als Startseite. Kurz: Er oder sie mag eine nette Person sein, ist aber auch irgendwie uncool.

Sich diesen Sommer nochmal einzunässen, wäre ungefähr so, wie jemanden heute ganz aufgeregt „von dieser Poetry-Slammerin mit ihrem Yolo-Text“ zu erzählen. Der Hype ist vorbei, und er kommt nicht wieder, indem man einfach dasselbe nochmal versucht. Um diesen Sommer wieder eine Welle der Spendenbereitschaft loszutreten, braucht #IceBucketChallenge etwas Neues, ein Update.

So haben sich bereits im letzten Jahr einige Leute dem Eiswasser verweigert: Patrick Stewart, bekannt für seine „Star Trek“-Rolle als Enterprise-Kapitän Jean-Luc Picard, stellte einen Scheck aus, ließ einfach ein paar Eiswürfel in einen Drink fallen und trank diesen mit Genuss. Andere schütteten sich Sand über den Kopf, um zu illustrieren, wie wenig Wasser in Dritte-Welt-Ländern vorhanden war, und spendeten an entsprechende Hilfsorganisation. Ich selbst habe einen Eimer voller Zeitungen über meinem Kopf geleert und Geld an „Reporter ohne Grenzen“ überwiesen. Das könnte man weiterführen: Fair Trade oder Bio-Kaffe für gerechteren Handel, Ouzo, wenn einem die Griechen leid tun, oder einen Eimer voll Vorurteile („Pegida“-Plakate) für die Flüchtlingshilfe.

Vielleicht haben Sie ja selbst eine Idee, an welche Organisation sie gerne spenden, welchen Menschen Sie gerne helfen würden. Und wenn Sie keinen Einfall für einen kreativen Eimer-Inhalt haben, dann nehmen Sie einfach wieder die #IceBucketChallenge und geben das Geld dorthin, wohin Sie mögen.

Steffen Daniel Meyer
Steffen Daniel Meyer
Handelsblatt Online / Social-Media-Redakteur

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