Italien
Nach dem Beben: Berlusconi täumt von neuer Stadt

Nach dem schweren Erdbeben diskutiert Italien um den Wiederaufbau. Silvio Berlusconi plädiert dafür, neben dem zerstörten L´Aquila eine komplett neue Stadt zu errichten. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen begonnen: Offenbar hat auch Pfusch am Bau zu der hohen Zahl von Opfern geführt.

MAILAND. Dem traurigen Osterfest im Zeichen des Erdbebens folgt das Unwetter. Nun müssen die Bewohner in den Abruzzen dem Regen und kalten Winden trotzen. In der Nacht auf den Ostermontag sind die Temperaturen auf Null Grad gesunken. "Wir bringen euch bald aus den Zelten heraus", verspricht Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der am Sonntag erneut nach L'Aquila gereist war, um an der Messe teilzunehmen. Damit sprach er den vielen Menschen aus der Seele, die nur mit Schlafanzug bekleidet ihre Häuser verlassen hatten. Etwa der älteren Dame, deren Gebiss unter den Trümmer vergraben ist. "Silvio, hilf Du mir!" bat sie den Premier bei einem seiner Besuche im Krisengebiet. Am Tag darauf fanden sich gleich mehrere Zahnärzte bereit, der Frau umsonst ein neues Gebiss zu erstellen.

Doch die Häuser wieder herzustellen, dauert länger. Das weiß auch Berlusconi. "Wir hoffen, dass wir in zwei Monaten sagen können, welche Häuser sicher genug sind, dass sie wieder bewohnt werden können. Erst dann wissen wir auch, wie viele Menschen in ihre Häuser zurückkehren können", macht er klar. Aber wie sollen diese Häuser wieder aufgebaut werden? Und sollen sie überhaupt? Ex-Bauunternehmer Berlusconi hat bereits vorgeschlagen, in den Abruzzen seinen Traum der sogenannten "New Towns" zu verwirklichen: Eine komplett neue Stadt neben dem alten, zerstörten L'Aquila. Ein Vorschlag, bei dem viele Städteplaner und Architekten Gänsehaut bekommen.

"Italien ist so schön, weil seine Städte und Dörfer historisch und charakteristisch sind. Mit den New Towns sieht es nachher aus wie überall", sagt der Architekt Mauro Manfrin, der nach dem Erdbeben von 1997 in Umbrien an einem Projekt in der Gemeinde Fabriano gearbeitet hat. "Das Erdbeben hat tragisch gezeigt, dass viele Gebäude veraltet und damit gefährdet sind. Aber ich glaube nicht, dass die New Towns eine Lösung sind", sagt auch Gualtiero Tamburini, Präsident von Assoimmobiliare, dem Verband der Immobiliendienstleister. Man solle die Menschen in soliden Zwischenunterkünften unterbringen und dann die zerstörten Städte erdbebensicher wieder aufbauen.

Aber der Wiederaufbau kann dauern, wie das Beispiel Umbrien zeigt. Zwölf Jahre nach dem Beben gibt es noch immer Menschen, die in Containern leben. Das Städtchen Nocera Umbria etwa ist bis auf wenige Häuser unbewohnbar. Dabei liegt die Schuld nicht nur bei den Institutionen, wie Architekt Manfrin zu berichten weiß. Ähnlich wie jetzt in den Abruzzen handelte es sich um Orte, in denen viele der Häuser nur im Sommer genutzt werden. "Die Menschen, die dort tatsächlich wohnen, wollten so schnell wie möglich wieder in ihre Häuser zurück. Die anderen warten lieber, bis das Geld vom Staat da ist." Und das kann dauern.

Nicht nur das Erdbeben, sondern auch Pfusch am Bau hat wohl dazu geführt, dass in den Abruzzen so viele Menschen - insgesamt 294 - ihr Leben verloren haben. Die Staatsanwaltschaft hat mit Ermittlungen begonnen. Außerdem will sie aufpassen, dass sich nicht die organisierte Kriminalität am Wiederaufbau bereichert. "Wir sind in Kontakt mit den nationalen Anti-Mafia-Kollegen", erklärte Staatsanwalt Alfredo Rossini, "der Wiederaufbau könnte den Appetit der Mafia wecken".

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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