Jagdsaison in Schweden
Wenn ein Elch den Volkszorn schürt

Im Herbst ist in Schweden Jagdsaison für Elche. Das ist im hohen Norden zu einer Art Breitensport geworden, was wiederum zu absurden Jagdgeschichten führt. Und nicht einmal seltene Exemplare sind ihres Lebens sicher.
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Stockholm/Kopenhagen„Gefährliche Zeiten für weißen Elch“ titelte die Zeitung „Bohusläningen“ wenige Tage vor der Saisoneröffnung. Das Blatt bildete einen Albino-Elch ab, der müde Richtung Wald zockelte, und prophezeite dem Tier einen schweren Stand bei tatendurstigen Jägern, weil es extrem gut sichtbar sei. Kaum war das gedruckt, meldete „Dagbladet“ aus dem benachbarten Norwegen: „Däne tötet prominenten Albino-Elch Albin“.

Dass auch noch ein Zugereister diesen König des Waldes mit Seltenheitswert gegen alle Jäger-Verabredungen erlegt hatte, ließ den Volkszorn hochkochen. Bei ihm seien Morddrohungen eingegangen, berichtete Ole Frost der Zeitung „VG“. Er bereue nichts: „Als ich den Elch ein paar hundert Meter entfernt sah, wollten mir einfach keine Regeln einfallen, die ihn irgendwie besonders schützen würden.“

Sein schwedischer Jägerkollege Martin Söderberg aus Yaberg wunderte sich über eine seltsam grünliche Färbung am Hals, als er auf einen ausgewachsenen Elch anlegte. Söderberg traf und fand dann den Plastiksitz einer Kinderschaukel samt Seil förmlich in den Pelz des Tieres eingewachsen. „Es muss den Elch irritiert haben, dass an seinen Ohren ständig dieses Ding herumschaukelte“, meinte Jagdleiter Reine Robertsson in „Hallands-Posten“ einfühlsam. Und grübelte: „Wie lange mag das Tier so herumgelaufen sein?“ Ob es wohl gemobbt wurde?

Man kann vermuten, dass die Kinderschaukel an einem Apfelbaum gehangen hat. Zur Herbstzeit können die Breitmäuler oft den Versuchungen von Fallobst nicht widerstehen und wagen sich in Gärten vor. Die verfaulten Äpfel sind eine Delikatesse für Elche. Manchmal sind sie gegoren und haben einen Alkoholgehalt. Das kann dann auch im Ausland zu Schlagzeilen führen wie „Betrunkene Elche randalieren vor Altersheim“.

Welten trennen diese Seite des Elchdaseins von den per Twitter an alle Welt übermittelten Gefühlen einer Schwedin: „Elche im Mondschein erinnern uns daran, wie groß das Leben ist.“ Immer mehr ihrer Geschlechtsgenossinnen allerdings beteiligen sich jedes Jahr daran, möglichst viele der 300.000 schwedischen Elche ins Jenseits zu befördern. Dieses Jahr sind wieder knapp 100.000 „alces alces“ (so der wissenschaftliche Name) zum Abschuss freigegeben.

Noch sind die 17.000 an der Jagd beteiligten Frauen eine Minderheit unter den etwa 250.000 registrierten Jägern. Bei alles in allem 9,5 Millionen Schweden ist das eine gewaltige Zahl. Die Jäger kommen aus allen Altersgruppen.

Die Zeitung „Vimmerby Tidning“ lobte den 91-jährigen Holger Eklund, weil er bei seiner 68. Elchjagd-Saison mit ruhiger Hand „innerhalb weniger Sekunden“ ein Elchkalb samt dessen Muttertier erlegen konnte. Bei der Zeitung „Dalarna Tidning“ schaffte es der neunjährige Oskar Tenlén in die Schlagzeilen, weil er für die Elchjagd zusammen mit dem Vater eine Woche schulfrei bekommen hat.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Tiere nur jagen und töten wenn man verhungert? Also bitte. Wenn Sie, lieber Vorkommentator, nicht streng vegan leben, fällt mir dazu folgendes ein:
    wer im Glashaus sitzt, sollte zum Kacken in den Keller gehen.
    Wenn Sie fleissig konventionell hergestelltes Fleisch und Wurstwaren essen, hätten Sie Ihren Denkapparat vor dem Schreiben anschalten sollen.
    Jagen ist im heutigen menschengeschaffenen natürlichen Ungleichgewicht - leider!- notwendig geworden. Schonmal was von der Berliner Wildschweinplage gehört?
    Dass Jagen ein regelrechter Sport geworden ist, ist in der Tat widerlich, und für Jagdtourismus nach Schweden, Afrika, Polen oder wohinauchimmer habe ich überhaupt kein Verständnis. Die Lust am Töten ist das abstoßendste was ich mir vorstellen kann. Doch leider ist Die Jagdausübung eine notwendige Maßnahme um die Natur einigermaßen im Gleichgewicht zu halten.
    Davon abgesehen: So sehr ich auch die Lust am Jagen verabscheue: Zeigen Sie mir einen Ort, an dem es Fleisch zu kaufen gibt, was von Tieren stammt, die ähnlich artgerecht geboren werden, leben, aufwachsen wie Wild, was sein Leben lang unbehelligt und natürlich lebt und dann ohne stundenlang Schlachttransporte durch den gekonnten Schuss eines Jägers innerhalb einer Sekundär ohne Shmerz und Angst sein Leben lässt. Damit werden Sie es schwer haben.

  • Man sollte nur ein Wildtier toeten wenn man es braucht um nicht zu verhungern. Diese"Jaeger" nennen das Sport. Nach hunderten von Jahren hat sich die Menschheit nicht veraendert. Grausam sind sie noch immer bis es sie selbst trifft.

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