Joseph Ratzinger
Der Deutsche, der Christus vertritt

Aus dem "Panzerkardinal" Joseph Ratzinger wird im Jahr 2005 der erste neue Papst des 21. Jahrhunderts. Die Deutschen wissen nicht, ob sie froh darüber sein sollen.

DÜSSELDORF/ROM. Wer während des Pontifikates von Johannes Paul II. das Glück hatte, die Lateinschule der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom zu besuchen, wusste, wie Enzykliken zu Stande kamen: Karol Wojtyla liebte es, die Lehrschreiben in seiner Muttersprache Polnisch zu verfassen. Doch mussten sie nun einmal seit alters her in der kirchenoffiziellen Sprache vorliegen, dem Lateinischen. Nicht, dass der Papst dessen nicht mächtig war, aber ein amerikanischer Pater der Gregoriana konnte die tote, im Vatikan noch höchst lebendige Sprache doch noch besser.

Dieser quirlige Geistliche war eigentlich an der Universität dafür zuständig, der jungen Elite der Weltkirche das Lateinsprechen beizubringen - für Fächer wie Kirchenrecht immer noch unverzichtbar. Doch unter Johannes Paul II. kam er in den Genuss, die mit Macht formulierten Gedanken des Oberhauptes der katholischen Kirche in den distanziert glasklaren Duktus des Lateinischen zu bringen. Dies war die Sache des impulsiven und visionären Pilgers auf dem Stuhle Petri nicht.

Für seinen Nachfolger dagegen ist das ziselierte Latein ein Genuss: Der neue Papst Benedikt XVI. dürfte der Hilfe des Paters bei seinen Sendschreiben kaum bedürfen. Joseph Ratzinger, der neun Sprachen spricht, ist im Lateinischen zu Hause. Die Sprache der Römer und der frühen Kirche ist geradezu ein Fluidum für den Theologen aus Deutschland, der schon als kleiner Junge im erzbischöflichen Studienseminar - ganz durchwirkt von deutschen humanistischen Bildungstraditionen - wegen seiner Brillanz besonders im Lateinischen und Griechischen auffiel.

Zwei Päpste, zwei Welten: dort der tief in seiner polnischen Heimat verwurzelte Jahrtausendkirchenführer Johannes Paul II., kraftvoll über viele Jahre und den Menschen zugewandt bis in den Tod, hier der schmächtige Mann des Geistes, ein Ausnahmetalent der im 20. Jahrhundert weltweit führenden deutschen Theologie, als erster Kirchenmann nach Kardinal Richelieu assoziiertes ausländisches Mitglied der Akademie Française. Dort der "charismatische Verkünder und manchmal ungestüme Täter", hier der "Reflexionsgeist", wie Hans Maier, ehedem bayerischer Kultusminister und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, beide Kirchenoberhäupter charakterisiert. Größer konnten die Gegensätze zwischen zwei aufeinander folgenden Päpsten nicht sein, und das wurde weltweit auch so empfunden, als der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger am 19. April dieses Jahres auf die Mittelloggia der Peterskirche trat - als Benedikt XVI.

Mehr als 100 000 Menschen drängten sich auf dem Petersplatz. Es war erst der zweite Tag des Konklaves, welches ein neues Oberhaupt für die mehr als 1,1 Milliarden Katholiken auf dem Erdkreis wählen sollte. Tags zuvor hatte Erzbischof Piero Marini mit dem "Extra omnes"-Ruf ("Alle hinaus!") jeden aus der Sixtinischen Kapelle gewiesen, der nicht zur Papstwahl berechtigt war. Danach hatten sich die Türen geschlossen, und das Konklave hatte begonnen.

Noch am Abend nahmen die 115 Kardinäle den ersten Wahlgang vor. Indiskretionen und einem im September öffentlich gewordenen Tagebuch eines ungenannten Kardinals zufolge versammelte Ratzinger von Anfang an viele Stimmen auf sich. Der Tagebuchschreiber, der wie alle Kardinäle eigentlich Stillschweigen "auf ewig" bei Strafe der Exkommunikation gelobt hat, berichtet, dass der deutsche Kirchenfürst schon zu Beginn mit 47 Stimmen führte. Im dritten Wahlgang sollen es bereits 72 gewesen sein. Nur fünf Stimmen fehlten an der notwendigen Zweidrittelmehrheit.

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