Kampf der Radler
Kräftemessen auf Londons Straßen

In London wird die U-Bahn bestreikt, fast alle Linien sind geschlossen. Es herrscht pures Verkehrschaos. Auf der Suche nach alternativer Fortbewegung kämpfen Fahrrad- und Autofahrer um den knappen Platz auf den Straßen.
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Schon in normalen Zeiten ist Fahrradfahren in London eigentlich nichts für Anfänger. Es braucht eine gewisse Robustheit, um sich als Radler in den verstauten und von Schlaglöchern übersäten Straßen an Doppeldecker-Bussen, Lastwagen und Taxis vorbeizuschlängeln. In diesen Tagen kommt noch der Streik der Londoner U-Bahn hinzu, auf den Straßen ist daher noch mehr los als sonst.

Nandini Gupta hat sich dennoch mit ihrem Fahrrad rausgetraut – zum ersten Mal seit wohl mehr als 15 Jahren. „Ich bin als Kind häufiger geradelt, als ich noch außerhalb von London wohnte“, erzählt die Endzwanzigerin. „In London erschien es mir zu unsicher, aber heute hatte ich einfach keine Alternative – außer mehr als eine Stunde zur Arbeit zu laufen oder das alte Rad meines Freundes zu nehmen und einigermaßen pünktlich ins Büro zu kommen.“

Am Mittwoch blieben den zweiten Tag in Folge viele U-Bahnen in ihren Depots und Dutzende von Stationen verrammelt. Die Beschäftigten protestieren damit gegen die Pläne ihres Arbeitgebers, zahlreiche Fahrkartenschalter zu schließen und 950 Stellen zu streichen. Normalerweise befördert die Tube täglich Millionen von Passagieren.

Die Menschen drängten sich daher am Mittwoch in überfüllte Busse und Nahverkehrszüge, andere stiegen aufs Auto oder Fahrrad um. Die „London Cycling Campaign“, eine Initiative, die Fahrradfahren in London sicherer und beliebter machen will, nutzt die Streiktage, um die Menschen im verstärkten Maße von dieser Alternative zu überzeugen – mit durchwachsenem Erfolg.

„Ja, ich nutze heute aus der Not heraus ein Mietrad, weil ich sonst nicht zu meinem Termin kommen würde“, erzählt Sonya Walker, eine 30-jährige Unternehmensberaterin, „aber ich fühl mich einfach zu unsicher auf dem Fahrrad und sehe das daher nicht als dauerhafte Alternative zur U-Bahn.“ Ihre Unsicherheit ist ihr anzumerken, sie traut sich nicht, Busse oder Lastwagen zu überholen, bleibt daher häufig stehen und provoziert fast Zusammenstöße mit anderen Radfahrern, die hinter ihr unterwegs sind. Einige können sich das Fluchen nicht verkneifen, wenn sie sie durch ihre Stopps ebenfalls zum Absteigen zwingt.

Es sind allerdings nicht nur mehr unerfahrene Radfahrer in diesen Tagen auf Londons Straßen unterwegs, auch die Zahl der Autofahrer nimmt zu, denen offenbar eine gewisse Übung im Umgang mit Radlern fehlt: „Dass Autofahrer einen viel zu dicht überholen und ihren Blinker gar nicht erst benutzen, daran hab ich mich schon länger gewöhnt“, erzählt Mitch Davids, der bereits seit einigen Jahren täglich von seinem Haus im Süden Londons ins Finanzzentrum nach Canary Wharf radelt, „jetzt sind aber auch noch Autofahrer auf den Straßen, die die wenigen Radwege komplett zustellen und denen jegliche Routine und Umsicht im alltäglichen Nahkampf auf Londons Straßen fehlt.“

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Londons Straßen vs. Afghanistan

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