Karaoke
Süchtig nach Sinatra

Ob in Karaoke-Bars oder zu Hause vor der Playstation – die Deutschen haben das Singen wiederentdeckt. Was in Japan eine der populärsten Freizeitbeschäftigungen ist, erfreut sich auch hierzulande immer größerer Belietbheit. Wie konnte das nur passieren? Ein Erklärungsversuch.

DÜSSELDORF. Wie alles angefangen hat? Ich weiß es nicht mehr so ganz genau. Wir waren essen und wollten noch nicht nach Hause, noch ein bisschen Spaß haben. Dann sagte einer, lass uns doch dahinten in den Laden gehen, und hat in Richtung Bahnhof gezeigt. Ich hatte nichts dagegen, und, wirklich, ich hatte nichts getrunken.

Wir haben dann auf die Klingel gedrückt. Der Laden sah ein wenig, na ja, unseriös aus. Aber die Asiatin, die uns öffnete, war angezogen, und das tadellos, und sehr freundlich. Sie führte uns in ein Separee und erklärte die Technik. Was dann passierte, ist irgendwie schwer in Worte zu fassen. Doch dazu später.

Heute weiß ich jedenfalls, dass ich kein Einzelfall bin. Ich habe mittlerweile mit vielen Menschen darüber gesprochen: Psychologen, Unternehmern, sogar Japanern. Alle sagen: Es sei okay, ich müsse mir keine Sorgen machen; und außerdem: Immer mehr Deutsche tun es. Und die Wirtschaft, die findet das toll.

Ja, natürlich, ich rede vom Singen. Deshalb sitzen wir doch hier, oder? Weil ich karaokesüchtig bin, weil vergangene Woche mit Disney der nächste Superkonzern ein neues Karaoke-Spiel auf den deutschen Markt geworfen hat, weil die Wirtschaft eine Menge Kohle macht. Und weil das Ganze nur aus einem Grund funktioniert: Wir Deutschen, das schwöre ich Ihnen, haben das Singen wiederentdeckt.

Sagt übrigens auch der Karl Adamek. Doktor Adamek ist so eine Art Sing-Wissenschaftler. Karl Adamek sagt: „Das Singen erlebt eine sanfte Renaissance.“

Aber erst einmal zu den Zahlen. Sie sind Handelsblatt-Leser, da wollen Sie ja immer als Erstes wissen: Was bringt’s der Wirtschaft? Singen ist ein riesiger Markt. Schauen Sie sich um: In deutschen Großstädten öffnet eine Karaoke-Bar nach der anderen. Und wer sich dort nicht traut, macht’s zu Hause, und zwar weltweit. Sony, Platzhirsch unter den Karaoke-Computerspielen, hat sein „Sing-Star“ für die Playstation 2 sieben Millionen Mal verkauft – in 67 Ländern. Erst Ende August hat Electronic Arts sein Singspiel „Boogie“ herausgebracht. Und dem neuen Spiel von Disney, „High School Musical – Sing It“, werden irre Umsätze vorausgesagt. Weil es nämlich auf der Nintendo-„Wii“ gespielt werden kann. Und diese Konsole soll ja in Japan schon zu Einbrüchen bei den Fernseheinschaltquoten geführt haben.

Nimmt man noch TV-Singshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ hinzu, wird die Dimension dieses Trends klar. Beim Finale schaffen solche Sendungen Einschaltquoten von 50 Prozent in der wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.

Deutschland ist offenbar ein Zukunftsmarkt. Und wenn ich, wie die Werbung behauptet hat, Deutschland bin, ist das ganz sicher so.

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