Klimawandel
Eskimos wird das Eis zu dünn

Pitseolak Alainga blickt hinaus auf die Frobisher Bay. Die Bucht bei Iqaluit, Hauptstadt des kanadischen Arktis-Territoriums Nunavut, müsste längst solide gefroren sein. Noch vor zehn Jahren „konnte ich schon im Oktober über das Wasser gehen“, erinnert sich Alainga. Doch mitten im November ist das Meer noch weit offen. Selbst tief im Winter können sich die Inuit nicht darauf verlassen, dass das Eis trägt. Im Februar ertranken vier Jäger bei Cape Dorset, als ihr Motorschlitten durch das Eis brach.

HB IQALUIT. Für die Inuit (Eskimo), die Ureinwohner des Nordpolarraums, zeigen das offene Meer und das brüchige Eis den Klimawandel an. Sie erwarten, dass die an diesem Montag beginnende Klimakonferenz der Uno in Montreal den Klimaschutz fördern wird. Früher konnten sich die Inuit Klimaschwankungen noch anpassen. „Aber jetzt geht die globale Erwärmung zu schnell“, sagt Simon Awa, Vize-Umweltminister Nunavuts.

Im vergangenen Jahr hatte eine Studie, die die acht Arktis-Anrainerstaaten in Auftrag gegeben hatten, die Folgen des Klimawandels drastisch dargelegt: In den vergangenen 30 Jahren schrumpfte die jährliche durchschnittliche Eisfläche um acht Prozent, fast eine Mill. Quadratkilometer. Bis 2 100 könnte das Eis weitere zehn bis 50 Prozent zurückgehen. Der Temperaturanstieg könne verheerende Folgen für Eisbären, Robben und Menschen haben.

Im „Grind & Brew“-Café im Hafen von Iqaluit herrscht am Morgen Hochbetrieb. 7 000 Menschen leben in der Stadt, die Hälfte von ihnen Inuit. Jäger und Fischer stärken sich für den Tag auf dem Wasser oder kaufen Proviant. Eine Inuk-Frau legt mit ihrem Boot im Hafen an, im Schlepptau mehrere Robben. Aus kleinen Holzhütten holen Jäger ihre Ausrüstung. Sie wollen auf der anderen Seite der Bucht Karibus jagen. Doch die Fahrt zu den Jagdgründen wird immer weiter. Der Klimawechsel hat die Wanderwege der Karibus verändert. „Wir müssen weit über unsere traditionellen Jagdgebiete hinaus ziehen“, klagt ein Jäger.

Die Beispiele für Veränderungen sind vielfältig. Nicht alle müssen auf den Klimawandel zurückgehen, aber es sind Abweichungen vom Gewohnten: Der Kabeljau taucht vor der Baffin-Insel auf, möglicherweise wurde es ihm im Süden zu warm. Vögel, Pflanzen und Moskitos werden gesichtet, die vor einigen Jahren unbekannt waren. Manche Vogelarten, die in Kolonien brüteten, sind fast völlig verschwunden. Eisbären nähern sich ausgehungert den Gemeinden. Die erfahrenen, älteren Inuit scheuen sich, wie früher das Wetter vorherzusagen. „Das Wetter ist zu unbeständig geworden“, sagen sie.

In den Nunavut-Gemeinden verlieren die auf Pfählen errichteten Häuser ihre Stabilität, weil der Boden aufweicht. Fast alle 25 Gemeinden des zwei Millionen Quadratkilometer großen Territoriums liegen an der Küste. In Pond Inlet auf der Baffin-Insel mussten Gräber verlegt werden: Die Küste erodiert, weil der Permafrost das Erdreich nicht mehr ausreichend stabilisiert.

Zur Jagd und zum Sammeln von Beeren und Kräutern ziehen die Inuit in die Tundra. Jagd, das ist nicht nur Beutemachen, sondern auch Teilen und das Erlernen von Geduld. Simon Awa fürchtet, „dass eines Tages, wenn der Temperaturanstieg fortschreitet, wir nicht mehr jagen können und ein Teil unserer traditionellen Kultur verschwinden wird“.

Mit einer Petition vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission wollen die Ureinwohner feststellen lassen, dass durch den Klimawandel ihre Kultur, Lebensweise und Menschenrechte verletzt werden. Die Beschwerde kritisiert insbesondere die Klimapolitik der US-Regierung. Die Inuit, sagt Sheila Watt-Cloutier, Präsidenten der internationalen Vereinigung der Inuit-Völker, wollten deutlich machen, dass es beim Klimaschutz nicht nur um Emissionswerte, sondern um Menschen gehe: „Wir wollen dem Klimawandel ein menschliches Antlitz geben.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%