Kolumbien
Wasser- und Schlammmassen radieren Wohnviertel aus

Ganze Straßenzüge der kolumbianischen Kleinstadt Mocoa wurden unter Schlamm, Felsen und Gebälk begraben. Mehr als 200 Menschen starben. Verzweifelt suchen Überlebende nach ihren vermissten Angehörigen.
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MocoaNach der Flutkatastrophe in der kolumbianischen Stadt Mocoa wird mit wachsender Verzweiflung nach Vermissten gesucht. Die Hoffnung schwand zunehmend, dass noch irgendjemand lebend aus den Schlammmassen gerettet werden kann. Präsident Juan Manuel Santos sagte am Sonntag, dass mindestens 210 Menschen bei der Tragödie getötet worden seien, sich die Zahl der Todesopfer aber „jeden Augenblick“ ändere.

Heftiger Regen hatte in der Nacht zum Samstag Flüsse über die Ufer treten lassen. Eine Lawine aus Flutwasser, Schlamm und Geröll wälzte sich durch die Kleinstadt an der Grenze zu Ecuador und riss ganze Häuser, Bäume und Autos mit sich.

Weil auch der Strom ausgefallen war, musste die Suche nach weiteren Opfern und Vermissten in der Nacht unterbrochen werden. Am Sonntag wühlten sich Soldaten und Freiwillige in Mocoa aber wieder durch knöcheltiefen Schlamm zwischen Felsen und Holzbalken hindurch und versuchten, in verschüttete Häuser zu gelangen.

Laut der Katastrophenschutzbehörde gab es neben den Toten auch mindestens 200 Verletzte. Die Zahl der Opfer könnte nicht nur wegen der vielen noch Vermissten, sondern auch wegen der vielen Schwerverletzten steigen, hieß es. Dutzende von ihnen wurden mit Hubschraubern in Krankenhäuser in andere Städte gebracht.

Die Toten wurden in einer behelfsmäßigen Leichenhalle untergebracht, wo Rechtsmediziner in drei Schichten rund um die Uhr an deren Identifizierung arbeiteten. Auch für die Überlebenden war die Lage prekär, weil es kaum noch Trinkwasser gab.

Viele Bewohner irrten auf der Suche nach ihren Häusern und Angehörigen durch die nicht mehr existenten Straßen im überschwemmten Teil von Mocoa. Die meisten Bewohner der 40.000-Einwohner-Stadt waren von der Flutkatastrophe im Schlaf überrascht worden. Wie viele der Vermissten sich einfach nicht bei den Behörden gemeldet hatten und wie viele tatsächlich unter den Schlammmassen begraben lagen, war in dem Chaos nicht abzuschätzen.

Eduardo Vargas, der der Flut mit seiner Frau und seinem sieben Monate alten Kind entkommen konnte, sagte, Nachbarn hätten gegen seine Tür geklopft und ihn dadurch geweckt. Der 29-Jährige konnte sich mit seiner Familie auf einen Hügel retten, bevor ihr Haus zerstört wurde. Als er den Ort erreichte, wo einst sein Haus stand, war vom Hab und Gut seiner Familie nichts zurückgeblieben. „Gott sei Dank haben wir unsere Leben“, sagte Vargas.

Präsident Santos, der bereits unmittelbar nach der Überschwemmung nach Mocoa gereist war, erklärte die Stadt zu einer Katastrophenzone. Er machte den Klimawandel für die Lawine verantwortlich. Die Regenfälle in der einen Nacht entsprächen fast der Hälfte der Niederschlagsmenge, die Mocoa normalerweise im gesamten Monat März bekomme, sagte er.

Für Kolumbien war es eine der opferreichsten Naturkatastrophen seiner Geschichte. Deutlich mehr Opfer – knapp 25.000 – gab es aber, als 1985 der Vulkan Nevado del Ruiz ausgebrochen war und dadurch Schlammmassen und Trümmer die Stadt Armero unter sich begraben hatten.

Auch Papst Franziskus sprach den Bewohnern von Mocoa sein Mitgefühl aus. Die Berichte über die gigantische Schlammlawine und die vielen Toten hätten ihn sehr getroffen, sagte Franziskus am Sonntag bei einem Besuch in der norditalienischen Region Emilia Romagna, in der 2012 bei zwei Erdbeben 28 Menschen ums Leben gekommen waren.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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