Kritik der Gewerkschaften
Bahn-Chaos in Mainz war vorhersehbar

Seit vergangenem Wochenende fallen regelmäßig Züge am Mainzer Hauptbahnhof aus, teilweise ist er komplett vom Fernverkehr abgeschnitten. Der Grund war offenbar vorhersehbar, weswegen nun der Bahnchef in die Kritik gerät.
  • 4

BerlinDas aktuelle Bahnchaos rund um Mainz aufgrund von Personalmangel ist nach Ansicht von Gewerkschaftern voraussehbar gewesen. „Die Vorgänge in Mainz sind nicht die ersten ihrer Art und schon gar kein Einzelfall“, sagte der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Alexander Kirchner, der „Welt“ vom Freitag. „Wir leiden schlicht unter Personalknappheit im Konzern.“ Zu den „chronisch unterbesetzten“ Bereichen gehörten die Fahrdienstleiter. Diese regeln den Verkehr auf den Schienen in festgelegten Regionen – und fehlen derzeit in Mainz.

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter, machte den Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, für das Chaos verantwortlich. „Dieses Chaos zeigt erneut, dass der DB-Konzern auf Kosten der Fahrgäste spart. Positive Geschäftsbilanzen sind Rüdiger Grube offenbar wichtiger als Personalmangel, Zugausfälle, Verspätungen“, sagte der Grünen-Politiker Handelsblatt Online. Mittelfristig untergrabe er damit seine Geschäftsbasis. „Ein guter Bahnchef würde seine Bahnkunden auf Händen tragen.“

Die Union will den Bundestags-Verkehrsausschuss mit dem Thema befassen. „Der Verkehrsausschuss wird sich nach der Bundestagswahl sicherlich mit dieser Thematik beschäftigen“, sagte das Ausschussmitglied Steffen Bilger (CDU) Handelsblatt Online. „Die Bahn muss jetzt glaubhaft machen, dass sie am Problem arbeitet und so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt.“

Bilger warnte zugleich die Bahn davor, auf Kosten der Fahrgäste zu sparen. „Sollte die Deutsche Bahn AG tatsächlich bewusst über zu wenig Personal vor Ort verfügen, erwarte ich, dass sie dieses Problem in Griff bekommt. Bei allem Verständnis dafür, dass die Bahn auf die Kosten schaut - so etwas darf nicht vorkommen“, betonte der CDU-Politiker.

Der Mainzer Hauptbahnhof kann derzeit in den Abend- und Nachtstunden nicht mehr angefahren werden, da die Bahn das Stellwerk dort nicht mehr mit Fahrdienstleitern besetzen kann. Sie führt dies auf einen unerwartet hohen Krankenstand sowie die Abwesenheit von Mitarbeitern wegen der Urlaubszeit zurück. Nachdem die Abkopplung zunächst nur für wenige Tage gelten sollte, dauert die Einschränkung nun bis Ende August.

Bereits seit dem vergangenen Wochenende fallen regelmäßig Züge am Hauptbahnhof in Mainz aus, der Regionalverkehr läuft abends und nachts nur eingeschränkt. Vom Fernverkehr ist der Hauptbahnhof in dieser Zeit komplett abgeschnitten. Vom 12. August an sollen nun auch wochentags zu den Hauptverkehrszeiten viele Züge im Regionalverkehr ausfallen, wie die Bahn mitteilte. Zahlreiche Fernverkehrszüge würden außerdem umgeleitet.

Kirchner warf der Deutschen Bahn vor, ein „grundsätzliches Problem“ verharmlosen zu wollen. „Wenn die Bahn jetzt sagt, der Fall in Mainz habe mit Urlaub oder Krankenständen zu tun, dann sind das Ausreden“, kritisierte der Gewerkschaftschef. Jahrelang sei Personal abgebaut und anschließend seien neue Mitarbeiter zu zögerlich eingestellt worden. Auch bei Lokführern, Zugbegleitern oder Baubereichsleitern sei die Personaldecke „äußerst knapp“.

Seite 1:

Bahn-Chaos in Mainz war vorhersehbar

Seite 2:

Pro Bahn fordert Mittelkürzungen

Kommentare zu " Kritik der Gewerkschaften: Bahn-Chaos in Mainz war vorhersehbar"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das Problem ist eher ein Politisches und Rechtliches. Großunternehmen haben ihre Personalpolitik bis ins Extrem bürokratisiert, um Haftungsproblemen bei Einstellungen und Entlassungen zu minimieren. Das erlaubt keine passenden Neuanstellungen zur rechten Zeit, da eine Einstellung von abweichenden Bewerberprofilen praktisch ausgeschlossen ist.
    Das ist auch nicht durch Vorlaufplanung in den Griff zu kriegen, weil dafür Großkonzerne einfach zu komplex sind.
    Personalpolitik ist damit Kostenpolitik und nur noch mittelbar Investition. Vor der tatsächlichen Eignung kommt die rechtliche und bilanztechnische Absicherung.
    Personaleinstellung ist deshalb bei uns mittlerweile eine bürokratische Funktion. Dabei wäre es in Wahrheit eine unternehmerische Aufgabe, die eben nicht mit Checklisten und Anforderungsprofilen bedient werden kann. Jedenfalls nicht, wenn man mehr will als ein Unternehmen bloß zu verwalten.
    Die realen Bedingungen stehen aber mittlerweile im Widerspruch dazu. Da mag sich ein Grünenpolitiker aufregen, der wenig genug praktische Ahnung hat, um zu wissen, dass nur ex post und auf dem Papier das Problem unter den gegebenen Bedingungen ein Problem der Bahn ist.
    Die eigene Politik ist dafür ein viel größerer Verursacher.

    H.

  • Keine Panik bzgl. ausländischer Billig-Fachkräfte. Die Strategie unser Regierenden wird nicht aufgehen. Ich arbeite oft im Ausland. Und keine ausländische Fachkraft, die wirklich was drauf hat, ist so bescheuert, nach Deutschland zu kommen. Gerade kürzlich wurde ich von einer Chinesin kontaktiert, die ich von einem Projekt her kenne. Sie sucht einen neuen Job. Ich fragte sie, ob ich mich darum kümmern soll, falls sie Interesse an Europa hat. Lapidare Antwort: Zu geringe Gehälter bei viel zu hohen Abgaben.
    Und auf meinen Projekten im Mittleren Osten hatte ich häufig mit Fachkräften zu tun, die teilweise exorbitante Gehälter bekommen. Warum sollte ein Ingenieur, der 20 tUSD nahezu steuerfrei im Monat bekommt, nach Deutschland kommen, um hier für die gleiche Tätigkeit 5 tEUR im Monat zu erhalten, wovon er dann noch die Hälfte abgeben darf. Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, lösen Personalprobleme mit marktwirtschaftlichen Methoden, also u. a. über das Gehalt. Bei der Bahn haben wir das Problem, dass sie noch nicht wirklich im Wettbewerb steht. Daher drückt die Bahn ja auch bei Lieferanten die Preise bis zum Geht-nicht-mehr. Glücklicherweise bin ich auf die Bahn weder als Kunde noch als Lieferant angewiesen. Aber Unternehmen, die z. B. Züge produzieren, müssen den Preisdruck halt über die Qualität kompensieren (s. Klimaanlagen, die im ICE erstaunlicherweise nur in Deutschland nicht korrekt funktionieren).

  • Nicht nur bei der Bahn. Dort sehen wir es nur besonders.

    Es wird zugunsten der Rendite überall auf Teufel komm raus gespart! leidtragende sind die Kunden. Sehen sie sich doch die Produkte an: Gammelnahrungsmittel, Rückrufe bei Autos usw. Hauptsache, der Gewinn stimmt!

    Un dbei der Bahn war eben schön zu sehen, wie ein Unternehmen für den Börsengang zerstört wird. Ein gesundes Wirtschaften ist das nicht. Schnelles Geld und nach Mehdorn sie Sinnflut!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%