Lateinamerikas Unternehmen
Vom Gejagten zum Jäger

Lateinamerikas Unternehmen kauften Konkurrenten in Nordamerika und Europa. Das ist neu, denn bisher waren die großen Firmen in der Region eher Gejagte als Jäger. Die längste Wachstumsphase Lateinamerikas seit dreißig Jahren macht die Unternehmen der Region angriffslustig

SÃO PAOLO. Das Jahr 2006 könnte als das Wendejahr in die Unternehmensgeschichte Lateinamerikas eingehen: Noch nie zuvor waren so viele lateinamerikanische Konzerne an Fusionen und Übernahmen beteiligt. Und erstmals fanden diese Zusammenschlüsse nicht nur in den einzelnen Ländern oder maximal innerhalb der Region statt.

Lateinamerikas Unternehmen kauften Konkurrenten in Nordamerika und Europa. Das ist neu, denn bisher waren die großen Firmen in der Region eher Gejagte als Jäger. Jetzt greifen sie an. "Die Branchenführer Lateinamerikas wollen sich auf dem Weltmarkt behaupten", beobachtet Eduardo Centola, Lateinamerika-Chef von Goldman Sachs. Das gilt bisher vor allem für den Rohstoffsektor: Der brasilianische Eisenerzkonzern CVRD übernahm den kanadischen Nickelproduzenten Inco für 18 Mrd. Dollar. Der mexikanische Zementriese Cemex verhandelt über den Kauf des australischen Baumaterialanbieters Rinker für 13 Mrd. Dollar.

Der brasilianische Stahlkonzern CSN versucht, für 8 Mrd. Dollar dem indischen Mitbieter Tata den europäischen Konkurrenten Corus wegzuschnappen. Doch auch in anderen Branchen haben die Fusionen innerhalb des Doppelkontinents rasant zugenommen - und lateinamerikanische Investoren spielen inzwischen auf Augenhöhe mit den Multis aus dem Norden. "Traditionell waren an zwei Dritteln der Übernahmen ausländische Konzerne beteiligt", sagt Reinaldo Passanezi, Direktor der brasilianischen Filiale der spanischen BBVA, "heute ist bei der Hälfte der Mergers lateinamerikanisches Kapital im Spiel." In den Bereichen Telekom, Finanzen, Energie und Einzelhandel entstehen derzeit schlagkräftige Unternehmen zwischen dem Rio Grande und Patagonien - die oftmals außerhalb der Branchen kaum jemand kennt.

So will in Mexiko der Medienmilliardär Carlos Slim seinen Handykonzern America Movil mit dem Festnetzbetreiber America Telekom fusionieren und die Tochter der Telecom Italia in Brasilien übernehmen. Dadurch würde der Konzern mit der größten Börsenkapitalisierung Lateinamerikas entstehen. Die brasilianische Banco Itau kauft von der Bank of America eine Tochter nach der anderen in Lateinamerika auf und macht damit Konkurrenten wie der spanischen Santander zu schaffen.

Aber auch in Nischen wachsen Weltmarktführer heran: Nach der Fusion mit der spanischen Tavex ist die brasilianische Santista der größte Denim-Produzent der Welt. Der Textilkonzern Coteminas aus Brasilien hat sich mit dem US-Anbieter für Haushaltstextilien Springs zusammengetan und dominiert den Markt der Amerikas. In Brasilien ist gerade bei einer Fusion B2W, der größte Interneteinzelhändler des Kontinents, entstanden. Die Liste der Fusionen ist lang - und wird weiter wachsen: "Der Übernahmeprozess hat gerade erst begonnen", beobachtet Patrice Etlin vom Private-Equity-Fund Advent und prognostiziert: "Die M&A-Welle wird im nächsten Jahr erst richtig anrollen."

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