Aus aller Welt
Laufen unterm Firmenbanner

Der Retter kam aus Ho-Tschi-Minh-Stadt. Dort, in Vietnam, spürte Wolfgang Tischler 1999 einen läuferisch begabten Deutsche-Bank-Mitarbeiter auf. Und genau so einen hatte Tischler noch gebraucht, stellte er doch das Deutsche-Bank-Team für den Chase-Lauf in Frankfurt zusammen. Bis kurz vor Meldeschluss fehlte ihm noch ein Top-Mann, den er auf die 5,6 Kilometer lange Strecke durch die City der Main-Metropole schicken konnte.

Im Inland und auf dem europäischen Kontinent war keiner zu finden – er musste schon aus Asien eingeflogen werden. Der Aufwand lohnte sich: Das Männer-Team gewann den Frankfurter Wettbewerb und durfte mit zur Endausscheidung nach New York. Ob die Deutsch-Banker einen Tag vor Fronleichnam auch wieder auf solche extravaganten Methoden zurückgreifen, ist nicht bekannt. Sicher ist nur: Schon jetzt fiebert die Finanz-Szene dem 18. Juni entgegen, schon laufen die privaten Wetten, wer wen schlägt.

Der Geist der Wirtschaftskrise, die Börsen-Bären und -Bullen – sie alle werden am kommenden Mittwoch für einen Tag vergessen sein. Über 45 000 Läufer liefern sich dann ein Duell um die Arbeitgeber-Ehre. Damit ist der JP Morgan Chase Corporate Challenge der größte Laufwettbewerb Europas. Mitarbeiter von 1 666 Unternehmen aus mehr als 200 deutschen Städten gehen an den Start. John Jetter, JP Morgans Statthalter in Deutschland und Österreich, erklärt warum: „Wer bei unserem Lauf startet, tut nicht nur etwas für sich, sondern dokumentiert, dass ihm seine Firma etwas bedeutet. Das Team, das an den Start geht, transportiert darüber hinaus die Werte, die im Unternehmen gepflegt werden.“ Für Jetter, der in seiner australischen Heimat zu den Top Ten der Tennisjunioren zählte, ist die Kombination aus Motivation, Leistung und Teamgeist das gewisse Extra, was den Chase-Lauf zum Ereignis macht.

Und Teamgeist ist eine schwer zu fördernde Sache in den Tagen andauernden Stellenabbaus. Die meisten Firmen jedenfalls sind froh, wenn sich ihre Mitarbeiter im Trikot mit Unternehmenslogo auf die Strecke machen. Zwischenmenschliche Kontakte sind ausdrücklich erwünscht – erst recht, wenn zwei Finanztempel sich vereinigt haben wie die Allianz und die Dresdner Bank. Der fusionierte Finanzkonzern geht mit sage und schreibe 1 319 Läuferinnen und Läufern an den Start, dicht gefolgt von der Deutschen Bank mit 1 289 Joggern. Weit abgeschlagen: die Deutsche Telekom, die 1 003 Teilnehmer stellt.

Auch Siemens braucht sich nicht zu verstecken: „Wir nehmen mit 946 Läufern teil“, erklärt Wilfried Gayer, Team-Captain der Truppe. Zu motivieren braucht Gayer seine Mannschaft nicht: „Die Joggingwelle sorgt dafür, dass Motivationskünstler nicht so hoch im Kurs stehen.“ Fast jeder läuft, da will man das Massenereignis Chase-Lauf unbedingt mitnehmen. Unter Druck setzt Gayer seine Leute allerdings nicht, er überlässt es lieber dem Zufall, was beim Frankfurter Rennen herauskommt: „Für uns ist die Teambildung wichtig, nicht das Ergebnis des Wettbewerbs.“

Während bei Siemens die Mannschaft im Vordergrund steht, setzt man bei Roche Diagnostics ganz auf den Erfolg. Man hat einen Ruf zu verteidigen: Im vergangenen Jahr gewann das Team den Mixed-Wettbewerb bei der Endausscheidung in New York. „Wir haben in dieser Kategorie bis jetzt viermal den Sieger beim Chase-Lauf gestellt und sind einmal Zweiter geworden“, gibt Team-Captain Detlev Lalla stolz zu Protokoll. Das soll in diesem Jahr nicht anders sein. In den Reihen der Projekt- und Produktmanager von Roche befinden sich herausragende Athleten – vom deutschen Marathonmeister Matthias Körner bis zu den deutschen Top-Athleten Christian Hörauf, Katja Potthof und Jutta Kammer. Hier eine kleine Abschreckung für die Konkurrenz: Bei den Herren geht Lalla von einer Laufzeit um die 17 Minuten für die 5,6-Kilometer- Distanz aus, die Damen werden wohl zwei Minuten mehr brauchen.

Die Roche-Geschäftsführung freut sich über die sportlichen Ambitionen ihrer Angestellten: „Wir haben den festen Willen, Erfolg zu haben, im Geschäft und im Sport“, erklärt Lalla. Und der Erfolg wird belohnt: Wer zum Sieger-Team gehört, darf sich über ein paar erholsame Tage in einer europäischen Top- Stadt freuen – auf Firmenkosten natürlich. Mit solchen Vorschusslorbeeren ausgestattet, zählt Roche auch in diesem Jahr zu den Favoriten des Chase-Laufs, der diesmal unter dem innerbetrieblich unverfänglichen Motto „Friendly Competition“ (freundschaftlicher Wettstreit) steht.

Dass Zehntausende Hobbyläufer auch in diesem Jahr für eine gute Sache unterwegs sind, versteht sich von selbst. „45 000 Euro gehen an das Städelsche Kunstinstitut“, erklärt JP-Morgan-Chef Jetter. Städel- Direktor Herbert Beck zeigt sich ob der noblen Geste dankbar. Er selbst bleibt lieber lauffaul und verschanzt sich hinter einer von Churchills Lebensweisheiten: „No Sports“.

Quelle: Handelsblatt

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