Macher 2006
Bruder Sebastian: Die Kehrseite der Hilfe

Eine Strophe hört er sich an, mehr nicht. Barsch unterbricht Bruder Sebastian den Auftritt dreier Mädchen in einem Kinder- und Jugendzentrum in Manickapangu, einem Dorf im Süden Indiens. "Hört auf", sagt er, als die drei ein christliches Lied vortragen. "Hier sind auch Moslems und Hindus im Raum."

HB TRANQUEBAR.Dabei hatten die Kinder das Liedgut extra ihm zuliebe einstudiert - zum Dank. Denn der eher kleine, stämmige Mann, der dem katholischen Orden "Brüder der Christlichen Schulen" angehört, hat das Zentrum bauen lassen - nach dem Tsunami, der die Küsten des indischen Ozeans verwüstete.

An einem heißen Dezembertag kommt Bruder Sebastian zu Besuch, um sich von den Fortschritten zu überzeugen. "Es ist nicht mein Ziel, die Menschen zu missionieren", sagt er, "sondern ihnen Werte und Bildung zu vermitteln, sie zu selbstständig denkenden Individuen macht." Christliche Lieder im Beisein von Hindus und Moslems passen da nicht ins Konzept.

Bruder Sebastian ist Direktor der indischen Hilfsorganisation St. Joseph Development Trust (SJDT). Vor fast 20 Jahren von ihm gegründet, betreibt SJDT Entwicklungshilfe und Sozialarbeit in Tamil Nadu, einem Bundesstaat im Südosten Indiens. Dort kümmert sich die Organisation um Menschen aus den untersten Kasten - die Kellerbewohner im Gesellschaftsgebäude der Hindus. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, was Armut ist", sagt Bruder Sebastian. Sein Trust unterhält Waisenhäuser und Kinder- und Jugendzentren, wo Schulkindern bei den Hausaufgaben geholfen wird, wo sie - anders als zu Hause - auch abends bei Licht lesen und schreiben können. SJDT organisiert Selbsthilfegruppen für Frauen und vermittelt Kleinkredite.

Seit der Flutkatastrophe hat die Organisation eine weitere Aufgabe: Sie hilft beim Wiederaufbau der vom Tsunami verwüsteten Region. Dabei kooperiert sie mit der Duisburger Kindernothilfe. Seit der Flutkatastrophe ist auch ein ganz neues Problem hinzugekommen: "Die enorme Spendenwelle hat unsere Arbeit um mindestens zehn Jahre zurückgeworfen", sagt Bruder Sebastian. Jahrzehntelang habe man versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, den Menschen klar zu machen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. "Und dann kommen hier all die Nichtregierungsorganisationen hin und überbieten sich gegenseitig in dem, was sie den Menschen umsonst geben."

Bruder Sebastian äußert seine Meinung recht rigoros. Er hält sich auch nicht lange auf mit Selbstverständlichkeiten wie der, dass auch seine Organisation auf Spendengelder angewiesen ist. Ebenso wenig spielt es für ihn im Moment eine Rolle, ob er durch seine Kritik undankbar erscheint. Er will seinen Standpunkt deutlich machen, und der lautet: "Die vielen Spendengelder haben auch eine Kehrseite." Die Menschen wüssten nicht mehr, warum sie arbeiten sollen, wenn sie so viel umsonst bekommen. Umsonst gab es vor allem Boote. Auch Mobiltelefone wurden verteilt - an Menschen, die noch nicht einmal Geld für Reis haben. Später folgten für die Region ungeeignete Fertighäuser, in denen die Hitze steht. "Das hat mit Hilfe zur Selbsthilfe nichts zu tun", sagt Bruder Sebastian. Es gebe vor Ort Maurer, Bootsbauer, Handwerker. Und da der Tsunami viele Menschen arbeitslos gemacht hat, müsse man ihnen Arbeit geben.

Auf dieses Prinzip setzt Bruder Sebastian bei seinen Projekten: Die Tsunami-Betroffenen bauen Bewässerungskanäle, Brunnen und Straßen und verdienen dabei Geld - genug zum Leben und am besten auch noch etwas zum Sparen. Damit sie nach und nach dem großen Ziel von Bruder Sebastian näher kommen: Sie sollen sparen, Kooperativen gründen und den Großgrundbesitzern, für die sie zu miserablen Konditionen arbeiten, Land abkaufen und es selbst bearbeiten. Bruder Sebastian: "Doch das ist ein langer Weg, ein ganz langer Weg."

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