Macher 2006
Gordon Brown: Premier im Wartestand

Imagepflege hielt der britische Schatzkanzler Gordon Brown bisher noch für unnötig. Doch im neuen Jahr dürfte man den Labour-Mann öfter mit seinem zweijährigen Sohn John auf dem Arm sehen. Denn der kernige Schotte muss jetzt beweisen, dass noch jugendliche Kraft in ihm steckt. Als ihn jüngst jemand fragte, ob er für den Karrieresprung in die Londoner Downing Street Nummer 10 nicht zu alt sei, scherzte er: "Ich habe gerade um vier Uhr morgens mit meinem Sohn geredet und mich dabei besonders jung gefühlt".

HB LONDON. Brown, demnächst 55 Jahre, ist schon weit länger der kommende Mann Großbritanniens, als die meisten Wähler zurückdenken können. Aber ausgerechnet jetzt, wo Browns Amtsübernahme in der Downing Street als Nachfolger von Tony Blair nur noch eine Frage der Zeit ist, haben die britischen Konservativen einen neuen, jugendlichen Parteichef. David Cameron schoss sich sogleich auf Brown als den eigentlichen Gegner im Wahljahr 2006 ein: "Ein Mann von gestern mit den Ideen von gestern". Nach Camerons Wahl lagen die Tories in den Umfragen plötzlich zwei Prozentpunkte vor Labour, bei 37 Prozent. Das gab es seit Jahren nicht. Als gefragt wurde, wie es mit Brown als Premierminister wäre, schnellten die Tory-Werte sogar auf 40 Prozent hoch.

Jahrelang setzte Brown nur selten den Fuß vor seinen Amtssitz in der Nummer 11 Downing Street, etwa um bei einem Vortrag so viele Zahlenreihen herunterzuleiern, dass er die Zuhörer unfehlbar in den Schlaf versetzte. Brown ist bekannt für seine rasselnden Reden - "wie ein viktorianischer Prediger, der vor dem Höllenfeuer warnt", beschrieb ihn der Soziologe Timothy Garton Ash.

Nun übt Brown demonstrativ die Rolle des zukünftigen Premiers und Nachfolgers von Tony Blair. Er hält Reden, etwa über die Aufgabe des Staates, Menschen zur Selbstverantwortung zu befähigen. Er gibt Studien über britische Nationaltugenden in Auftrag - und befand, dass Freiheit, Selbstverantwortung, Fairness und Internationalismus die entscheidenden Werte sind.

Als Brown in Afrika war, um für seine Initiative gegen Aids zu werben, durften die Briten ihren obersten Finanzbeamten zum ersten Mal ohne Krawatte sehen. Brown hob Aids-Waisen an die Brust und sprach von der Verzweiflung in ihren Augen. Seit er in der Kirche seines Vaters Afrika-Missionare kennen gelernt habe, sei ihm Afrika wichtig gewesen.

Brown wird respektiert, ist den Briten aber in all den Jahren ein Rätsel geblieben. Zeitungen spekulieren, tagaus, tagein, ob Labour unter Brown nach links rücken oder Blairs Reformen mit ihren privatwirtschaftlichen Sympathien fortsetzen würde. Niemand weiß es wirklich. "Brown würde eine technokratische Regierung führen, weniger zugänglich, komplizierter, esoterischer", glaubt Madsen Pirie vom Think-Tank "Adam Smith Institut".

Brown gilt als detailversessener "Kontrollfreak", der es schaffte, mit Hunderten von Verordnungen das britische Steuerrecht von einem schmalen Bändchen zu einem fünfbändigen Wälzer anschwellen zu lassen. Alles geschah im Dienste der sozialen Gerechtigkeit, um Staatsgelder zu den Bedürftigsten zu lenken - Rentner, Kinder, Alleinerziehende. Aber die britische Handelskammer klagt, Brown habe Unternehmen seit seinem Amtsantritt mindestens 40 Milliarden Pfund allein durch Bürokratie aus der Tasche gezogen.

Lange galt Brown als hyperkompetenter Manager des britischen Wirtschaftswunders, pumpte Milliarden in die marode Infrastruktur, schuf immer mehr neue Jobs für Staatsdiener. Der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stieg von 37,5 Prozent in 1997 auf über 44 Prozent - der schnellste Anstieg seit 1945.

Aber nun hält das Wirtschaftswachstum mit dem Ausgabenwachstum nicht mehr Schritt. Brown muss wieder Spar-Schatzkanzler werden. Auch deshalb, munkeln seine Feinde, habe er es so eilig, als Premier in die Nummer 10 umzuziehen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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