Mehr Ärger als Angst
Rockfans lassen sich nicht unterkriegen

„Rock am Ring“ trotzt der Terrorangst. Jetzt werde erst recht gefeiert, ruft Campino, Frontmann der Toten Hosen, von der Bühne. Bei Deutschlands wohl bekanntestem Musikfestival spielen sich denkwürdige Szenen ab.
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Nürburg„Keiner hat geschrien, keiner hat geschubst. Es ist keine Panik ausgebrochen.“ Milena aus Hannover ist Erleichterung und auch Stolz anzumerken, dass die rund 87 000 Fans am Freitagabend so überaus besonnen auf die Unterbrechung bei „Rock am Ring“ reagiert haben. Die 25-Jährige stand mit ihrer Freundin Sonja (27) am Freitag gegen 21 Uhr vorne direkt vor der Hauptbühne.

Die Vorfreude auf die Band Rammstein war riesig. „Dann kam (Veranstalter) Marek Lieberberg. Eigentlich dachten wir, dass wieder ein Gewitter aufzieht“ - so wie im vergangenen Jahr, als das Festival auf dem Flughafen Mendig abgebrochen wurde, nachdem es zahlreiche Verletzte durch Blitzschläge gegeben hatte. Doch dann der Schock: Plötzlich ist von einer möglichen terroristische Gefährdung die Rede, alle Besucher sollten sofort und ruhig das Gelände verlassen.

Überraschend gefasst verlassen die Rockfans das riesige Gelände. Menschenmassen strömen zu den Ausgängen. Immer wieder ertönen die Lautsprecherdurchsagen. Die Rockfans folgen - Enttäuschung steht in vielen Gesichtern, aber keine Angst. Und so richtig fassungslos scheint in der Menge auch keiner zu sein, dass ein Terroralarm jetzt auch Deutschlands wohl bekanntestes Rockfest trifft.

Milena bestätigt das: „Als er (Lieberberg) das dann sagte, waren wir alle schockiert am Anfang. Aber irgendwie war es uns klar. Überrascht waren wir nicht.“ Wohl jeder der Musikfans muss an den Terroranschlag auf ein Konzert in Manchester Ende Mai mit mehr als 20 Toten denken.

Vor der Hauptbühne spielen sich bei dem Terroralarm denkwürdige Szenen ab. „Die Stimmung war komisch“, erzählt Sonja. „Die Leute haben gesungen „You'll Never Walk Alone“ oder „Eins kann uns keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben““ - den alten Song von Geier Sturzflug. Die Stimmung in der Menge, die Rammstein wollte und eine Terrorwarnung bekam, war gedrückt. „Ein paar Leute haben geweint, wahrscheinlich weil sie sich auf die Hauptband gefreut hatten. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand groß Angst hatte. Es war traurigerweise so, als hätten die Leute ein bisschen damit gerechnet.“

Doch nicht nur vor der Hauptbühne, sondern auch bei der Räumung passiert Bemerkenswertes. „An dem einen Ausgang ging es nicht so richtig weiter. Da war so ein Pulk von Menschen und niemand kam da raus“, erinnert sich die 27-Jährige aus Hannover. „Einer war in der Mitte, der Platzangst hatte. Die haben sich alle um ihn rumgestellt und ihm Platz gemacht und auf ihn eingeredet.“

Trotz aller Enttäuschung, Rammstein nicht zu sehen, halten sie die Entscheidung der Behörden, das Festival zu unterbrechen, für richtig. „Wenn was passiert wäre, hätte es im Nachhinein geheißen: Warum hat er (Lieberberg) nichts getan?“ Und jetzt machen die jungen Frauen das Beste aus der Situation. „Als Trost haben wir ja noch die Toten Hosen, auf die wir uns sehr freuen, und Kraftklub nachts, wenn uns das das Gewitter nicht irgendwie untersagt.“

Milena, Sonja und die anderen Ringrocker haben Glück: Diesmal gibt es kein Gewitter wie in Mendig, sondern „nur“ strömenden Regen an späten Samstagabend - typisches Wetter bei „Rock am Ring“ an seinem Ursprungsort. Pünktlich zum Auftritt der Toten Hosen fängt es an zu gießen. Doch die Fans lassen sich davon genauso wenig beeindrucken wie von dem Terroralarm. Frontmann Campino findet gleich zu Beginn die richtigen Worte, um der Menge einzuheizen und klar zu machen: Ihr habt toll reagiert und jetzt wird erst recht gefeiert!

Nach knapp zwei Stunden endet der Auftritt der Band kurz vor 1 Uhr mit Konfettiregen - und „You'll Never Walk Alone“ als Zugabe. Es ist rund 28 Stunden her, dass Besucher diese Hymne erstmals angestimmt haben - kurz nach dem Terroralarm. Jetzt singen Zehntausende mit und skandieren trotzig: „Wir sind der Ring! Wir sind der Ring!“ Regen hin, Terrorangst her: Die Festivalbesucher wollen sich den Schneid nicht abkaufen lassen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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