Motive fürs Schwindeln
Die Wahrheit über die Lüge

Nicht nur gedopte Rad-Profis beschwindeln ihre Mitmenschen. Ohne Lügen kommt selbst der Ehrlichste nicht aus. Bis zu 200 Mal flunkern Menschen – Floskeln, geschönte Komplimente, Über- und Untertreibungen mit eingerechnet – am Tag. Lügenforscher haben dafür eine einfache Erklärung.

DÜSSELDORF. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. So steht es schon im Alten Testament. Doch das ist für Rad-Profis offenbar kaum verbindlich. „Ich? Wieso ich? Davon weiß ich nichts. Das kann nicht sein“, sagte gestern T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz, als man ihm mitteilte, dass in seinem Blut ein Dopingmittel nachgewiesen wurde. „Ich habe alle angelogen“, sagte sein Chef, der Ex-Fahrer und heutige T-Mobile-Sportdirektor Rolf Aldag auf einer Pressekonferenz vor einigen Tagen, als er zugab, selbst früher gedopt zu haben. „Das war sicher das Schwerste überhaupt, was ich je getan habe und sicherlich genau so falsch wie Doping.“ Vielleicht ist es ein Trost für Aldag und Konsorten, dass Verstöße gegen das achte Gebot auch außerhalb des Radsports alltäglich sind.

Jeder Mensch schwindelt, lügt und betrügt, und zwar gewohnheitsmäßig, zielgerichtet, mit Kalkül und Raffinesse – wie eben die dopenden Radprofis. Forscher von der University of South California in Los Angeles zeichneten die alltägliche Konversation von zwanzig Probanden auf und analysierten das Gesagte dann auf Unwahrheiten. Ergebnis: Selbst die Ehrlichsten unter den Versuchsteilnehmern logen statistisch betrachtet alle acht Minuten. Andere Untersuchungen bestätigen – wir flunkern, was das Zeug hält. Wenn man es genau nimmt, also Floskeln, geschönte Komplimente, Über- und Untertreibungen als Lügen einrechnet, bis zu 200 Mal am Tag.

Da überrascht es kaum, dass sich heute neben Staatsanwälten und Dopingfahndern auch Wissenschaftler aller Couleur für diese uralte Eigenschaft des Menschen interessieren. „Täuschung ist ein derart zentraler Bestandteil des Lebens, dass ein besseres Verständnis dieses Phänomens für fast alle menschlichen Belange von Bedeutung ist“, meint der US-Psychologe Paul Ekman, einer der Pioniere unter den Lügenfachleuten. Um der Lüge auf den Grund zu gehen, blicken Neurowissenschaftler ins Gehirn schwindelnder Probanden, fahnden Emotionsforscher in Mimik und Gestik von Lügenbolden nach verräterischen Signalen, analysieren Entwicklungspsychologen, wann Kinder das Flunkern lernen.

Anhänger der Maxime „Ehrlich währt am längsten“ wird es nicht erfreuen, doch die Lügenforschung nimmt ihrem Sujet allmählich den negativen Nimbus. Weitgehend einig sind sich die Forscher, dass das ausgeprägte Talent des Menschen zur Täuschung und Irreführung essenzieller Bestandteil seiner sozialen Intelligenz ist. Anders gesagt, ohne die Lüge als Schmiermittel wäre unser komplexes Beziehungsgeflecht undenkbar. Einige Anthropologen sehen sie gar als entscheidende Triebfeder an für die stammesgeschichtliche Entwicklung des menschlichen Gehirns. Demnach begründet sich die Vergrößerung der Hirnrinde im Laufe der Evolution darin, dass die Fähigkeit zur raffinierten Lüge ein Vorteil war.

Der Ansicht, erst die Täuschung habe Homo sapiens über das geistige Level seines Urahnen Australopithecus hinweggeholfen, schließt sich Marc-André Reinhard zwar nicht uneingeschränkt an, doch auch für ihn steht fest: Lügen ist für das soziale Zusammenleben extrem wichtig. „Wenn alle immer ehrlich wären, dann wäre unsere Welt extrem brutal“, meint der Sozialpsychologe von der Uni Mannheim. „Angenommen, Ihre Freundin fragt, ob Sie die neue Arbeitskollegin attraktiv finden, vielleicht sogar attraktiver als sie selbst, und Sie antworten beide Male wahrheitsgemäß mit Ja, tun Sie damit weder Ihrer Beziehung noch Ihrer Freundin etwas Gutes.“

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