Nach dem Hurrikan „Katrina“
Anarchie in New Orleans

Verzweifelt hat New Orleans Bürgermeister Ray Nagin am Donnerstag um Hilfe gefleht. Denn drei Tage nachdem der Hurrikan „Katrina“ über den Südosten der USA hereingebrochen war, versinkt die Stadt in Gewalt. Schüsse auf Rettungs-Hubschrauber, Kämpfe um Sitzplätze in den Bussen und Leichen in den Straßen - das Chaos ist vollkommen.

HB NEW ORLEANS. Tausende strömten am Donnerstag in New Orleans zum Footballstadion Superdome, in dem bereits etwa 25 000 Menschen auf Rettung hofften. Die Zahl der Hurrikan-Toten geht nach Behördenangaben insgesamt in die Tausende - damit zeichnet sich die schlimmste Katastrophe seit einem Jahrhundert in den USA ab. Der Wiederaufbau wird vermutlich Jahre dauern. US-Präsident George W. Bush will die am schlimmsten betroffenen Gebiete an diesem Freitag besuchen.

Allein in New Orleans sind bis zu 60 000 Menschen eingeschlossen. Viele von ihnen drängten sich an den Absperrungen am Superdome. Aus der Menge heraus wurden Schüsse auf einen Rettungshubschrauber abgefeuert, ein Nationalgardist wurde verletzt. Verzweifelte Flüchtlinge setzten Müllcontainer in Brand. Rund um den Dome loderten Flammen. Die Einsatzkräfte konnten wegen der Wasserfluten und der unübersehbaren Menschenmenge zunächst nicht einschreiten. „Die Lage hier ist extrem explosiv“, sagte ein Augenzeuge.

Tausende andere Obdachlose kampieren auf Straßen, Zubringern und unter Brücken - in der Hoffnung, endlich aus der Stadt herauszukommen. Auf einer Autobahn versammelten sich hunderte Menschen und riefen Autofahrern zu: „Bitte helft uns.“ Andere streckten leere Becher aus und bettelten um Wasser. Die Nationalgarde will außer Bussen auch Eisenbahnen einsetzen und eine Luftbrücke aufbauen.

Bush kündigte „Null Toleranz“ gegenüber Plünderern und Preistreibern im Krisengebiet an. Die Situation der besonders Verletzlichen dürfe nicht ausgenutzt werden, sagte Bush am Donnerstag dem Fernsehsender ABC. Zuvor hatte der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, bereits das Kriegsrecht verhängt, um wirksamer gegen marodierende Plünderer vorgehen zu können. Wegen der zahlreichen Leichen, die in den Fluten treiben, rief die US-Regierung den Gesundheitsnotstand aus, um die wachsende Seuchengefahr zu bannen.

Es werde Jahre dauern, bis die Region wieder aufgebaut sei, sagte Bush nach einem Erkundungsflug mit der Präsidentenmaschine Air Force One. Die Küste im Bundesstaat Mississippi sei komplett zerstört. Die Nationalgarde will zusätzlich 24 000 Soldaten in die Katastrophengebiete schicken, 13 000 sind bereits im Einsatz. Bush kündigte eine bisher einmalige Hilfs- und Rettungsaktion an. So sollen mehrere Marineschiffe, Amphibienfahrzeuge und Hubschrauber entsendet und dutzende große Feldlazarette mit insgesamt 10 000 Betten eingerichtet werden. Nach seinen Angaben befanden sich am Mittwoch insgesamt 78 000 Menschen in Notunterkünften.

Bestätigen sich die düsteren Prognosen, wird Hurrikan „Katrina“ die Naturkatastrophe mit den meisten Toten in den USA seit dem Erdbeben in San Francisco im Jahr 1906. Damals waren rund 6000 Menschen ums Leben gekommen.

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