Noch immer werden mehr als 1 000 Menschen vermisst
In Algerien wächst Unmut über Krisenmanagement

Vier Tage nach dem schwersten Erdbeben in Algerien seit mehr als 20 Jahren wächst bei den Menschen im Land der Unmut über das Krisenmanagement der Regierung. Nach offiziellen Angaben vom Sonntag wurden mehr als 2 000 Menschen getötet und rund 8 600 verletzt.

Reuters ZEMMOURI/BOUDOUAOU. Soldaten mussten wütende Algerier zurückdrängen und der Autokolonne des Staatschefs einen Weg durch die Menge bahnen. Am Samstagabend wurden dem staatlichen Hörfunk zufolge in Nordalgerien vier Nachbeben registriert. Das stärkste Beben in Thenia habe einen Wert von 4,1 auf der Richterskala erreicht. Schäden wurden nicht gemeldet.

Bei Bouteflikas Besuch war der Straßenrand rasch von Menschen gesäumt, die ihm „Mörder“ zuriefen. Viele drängten sich nach vorne und traten mit den Füßen gegen das Auto des Präsidenten oder bewarfen es mit Gegenständen. Die Zeitung „Le Matin“ schrieb, noch nie seit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich im Jahr 1962 sei ein Präsident so von seinen Bürgern beleidigt worden. Auf der Titelseite prangten die Worte: „Herr Bouteflika, treten Sie zurück“.

Die erschöpften Rettungsmannschaften setzten bei Temperaturen von mehr als 30 Grad in den aufgeheizten Schuttbergen ihre Suche nach Überlebenden mit Spürhunden fort, stießen aber nur noch auf Leichen. Mit Taschenlampen leuchteten sie in die Spalten zwischen den Trümmern. Kameras und hoch empfindliche Mikrophone wurden eingesetzt in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von Verschütteten aufzuspüren. Noch immer wurden mehr als 1 000 Menschen vermisst.

In der Küstenstadt Boudouaou verstärkten italienische Helfer ihre Suche nach einem verschütteten Mädchen. Die elfjährige Sabrina könnte Helfern zufolge noch am Leben sein. „Ruhe“, rief ein staubbedeckter Retter, als sich Menschen vordrängten, um zu sehen, wie Mikrophone zwischen den Trümmer hinabgelassen wurden. „Die Eltern haben gesagt, sie hätten in der vergangenen Nacht eine Stimme gehört“, sagte der Leiter des Rettungsteams aus Rom. „Wir haben gestern Morgen mit unserer Ausrüstung nichts gehört, aber zwei Spürhunde haben zwei Mal auf Lebenszeichen reagiert.“ Sabrinas Vater sagte, seine Tochter sei ein „glückliches, intelligentes, gutes Mädchen“ gewesen. „Ich habe nichts gegessen und nicht geschlafen seit dem Erdbeben.“

Die Bevölkerung ist nach dem Schock in Folge des Erdbebens vom Mittwoch mit einer Stärke von 6,7 auf der Richterskala zunehmend über die Regierung des Landes verärgert. Die rund 15 000 Menschen, deren Häuser bei der Katastrophe zerstört wurden, werfen den Behörden vor allem vor, nicht schnell genug Hilfe bereitzustellen. Zudem sei es unverantwortlich gewesen, den Bau wenig stabiler Häuser in der bekanntermaßen von Erdbeben heimgesuchten überhaupt zugelassen zu haben.

Die Regierung teilte mit, sie bemühe sich, im Wettlauf mit der Zeit den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Sanitäre Anlagen und sauberes, fließendes Wasser fehlen weitgehend. Die Zivilschutzbehörden empfahlen den Helfern, Gesichtsmasken zu tragen. In der Stadt Boumerdes wurde dem Gesundheitsministerium zufolge ein Zentrum eingerichtet, das den Ausbruch von Krankheiten genau im Auge behalten soll. Die medizinische Versorgung wird aber erheblich dadurch erschwert, dass auch vier Krankenhäuser vor Ort durch das Erdbeben zerstört wurden.

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