Papstbesuch in Portugal
Das Geschäft mit dem Glauben

Am Freitag besucht der Papst den Wallfahrtsort Fátima in Portugal. Wer dabei sein will, muss mit einem Zimmerpreisaufschlag bis weit über 4000 Prozent rechnen. Doch auch ohne Papst sind Pilger spendable Kunden.
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MadridWenn es um die essentiellen Dinge im Leben geht, sollte man nicht kleinlich sein. Das zumindest denken sich portugiesische Hoteliers, die sich derzeit auf den Besuch des Papstes an diesem Wochenende im Wallfahrtsort Fátima vorbereiten. 375 Euro kostete eine Stelle auf dem Campingplatz „Acampanento do Centenário“, 15 Minuten Fußmarsch von dem Heiligtum entfernt. Es war der Preis für die Nacht vom heutigen Freitag auf Samstag, in der auch der Pontifex in der Stadt weilt. Wer ein näher gelegenes Hotel suchte, wurde für 2500 Euro im „Anjo de Portugal“ fündig. Zwei Wochen später kostet ein Zimmer dort wieder 55 Euro.

Die Preise explodieren zur Ankunft des Kirchenoberhauptes, das zum 100. Jubiläum der Marienerscheinungen nach Fátima reist. Das Örtchen 130 Kilometer nördlich von Lissabon ist nach Lourdes in Frankreich der meistbesuchte Wallfahrtsort in Europa. Am 13. Mai 1917 soll dort drei Kindern die Jungfrau Maria erschienen sein und ihnen drei Ereignisse vorhergesagt haben – die drei Geheimnisse von Fátima. Eines davon wird als das Attentat auf Papst Johannes Paul II. gedeutet, das sich auch an einem 13. Mai ereignet hat.

Die Preise in Fátima gehorchen wie immer dem Gesetz von Angebot und Nachfrage: Mit zwei Millionen Besuchern rechnet Portugal allein an diesem Wochenende – eine Zahl, die alle Rekorde in dem Ort mit seinen 11.000 Einwohnern sprengt. Mit dazu beitragen dürften auch die Portugiesen selbst: Premier António Costa hat allen 664.000 Beamten des Landes für den heutigen Freitag (12. Mai) freigegeben, damit sie zu Papst und Fátima reisen können. Zudem schließt Portugal in den Tagen rund um den Besuch aus Sicherheitsgründen seine Grenzen und setzt das Schengener Abkommen außer Kraft. Einreisende können so gezielt kontrolliert werden.

Nach seinem heiklen Besuch in Ägypten Ende April ist der Besuch des Papstes in Portugal keine apostolische Reise, sondern eine Pilgerfahrt, auch wenn er den portugiesischen Staatspräsidenten und den Premierminister trifft. Wie der Papst machen sich jährlich Millionen von Gläubigern nach Fátima auf. Über fünf Millionen waren es im vergangenen Jahr, 2017 rechnet das Land mit acht Millionen. Die Fátima-Besucher machen damit einen bedeutenden Teil der knapp 61 Millionen Touristen aus, die im vergangenen Jahr nach Portugal gereist sind.

Auch weltweit gedeiht das Geschäft mit Pilgern und Reisen zu religiösen Zielen prächtig. Die Welt-Tourismus-Organisation, eine Tochter der UNO mit Sitz in Madrid, geht davon aus, dass zwischen 300 und 330 Millionen Touristen jährlich zu religiösen Zielen reisen, 60 Prozent davon zu christlichen.

Zentrum dieses religiösen Tourismus ist Europa. Pilgerrouten wie der Camino de Santiago in Nordspanien haben Kult-Charakter erreicht: Die Zahl der Pilger dort hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. Das ist umso bemerkenswerter, als die Kirchen in der gleichen Zeit Mitglieder verlieren. Für Antonio López de Avila, Professor für Innovation an der spanischen Business School IE in Madrid ist das aber kein Widerspruch: „Der Camino ist für viele eine mehr spirituelle Erfahrung und keine rein religiöse.“ Nach Angaben des Pilgerbüros in Santiago de Compostela kommen 44 Prozent der Pilger aus religiösen, weitere 48 aus „religiösen und anderen Gründen“.

Pilger sind gern gesehen Gäste – schließlich geben sie mehr Geld aus als gewöhnliche Touristen. Eine Studie des spanischen Tourismusministeriums aus dem Jahr 2012 zeigt, dass sie 58 Euro pro Tag ausgeben, während es bei einem herkömmlichen Touristen nur 37 Euro sind. López de Avila erklärt das mit den Zusatzdiensten, die sich inzwischen um das Geschäft mit Pilgern gebildet haben. So würden sich auf dem Camino etwa einige ihren Rucksack zum nächsten Etappenziel bringen lassen, andere kauften unterwegs mehr Material, weil sie eben nicht alles ständig mit sich herumtragen wollten. Und viele übernachteten in Hotels und wollten dort gut essen und sich für den kommenden Tag stärken. „Das Profil des einsamen Pilgers, der von karger Kost lebt und von Herberge zu Herberge zieht, hat sich gewaltig geändert“, erklärt er.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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