Pfundskerle
Jedes zehnte Baby ist zu dick

Bei der Geburt wartet auf viele Mütter eine dicke Überraschung: Denn immer mehr Babys kommen übergewichtig zur Welt - ein Risikofaktor für eine Schwangerschaft. Schuld ist daran ist oft das Essverhalten der Mutter.
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BerlinAuf die Freude über ihre Schwangerschaft folgte ein beunruhigender Termin bei der Gynäkologin: „Meine Frauenärztin hat Panik geschoben, weil ich so dick bin“, erinnert sich die 33-jährige Miriam, die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Bei 1,72 Meter Körpergröße bringt die Münchnerin heute 100 Kilogramm auf die Waage. Schon vor der Schwangerschaft waren es 94 Kilo. Dass ihre überflüssigen Pfunde ein Risiko für ihr Baby darstellen könnten, war Miriam damals nicht bewusst. 

Die junge Mutter gehört zu der rasant anwachsenden Gruppe von Frauen, deren Schwangerschaft vom Risikofaktor Übergewicht überschattet wird. „Jede dritte Frau im gebärfähigen Alter ist übergewichtig oder fettleibig. Das ist erschreckend“, sagt die Münchner Kinderärztin Regina Ensenauer und verweist auf mögliche Komplikationen in der Schwangerschaft. So seien Bluthochdruck und das Auftreten einer sogenannten Schwangerschaftsdiabetes bei dicken Frauen wesentlich häufiger, sagt Ensenauer. 

Mit der Zahl adipöser Schwangerer steigt auch die Häufigkeit übergewichtiger Babys. Ab einem Geburtsgewicht von mehr als 4.000 Gramm gilt ein Neugeborenes als zu schwer. 2009 fiel laut Statistischem Bundesamt jedes zehnte in Deutschland geborene Kind in diese Gruppe. Bei derart großen Babys sei ein Kaiserschnitt vielfach unvermeidbar, da es bei einer natürlichen Geburt zu Schulterverdrehungen und Sauerstoffmangel des Säuglings kommen könne, erklärt Ensenauer. Der Kaiserschnitt wiederum berge ein erhöhtes Thromboserisiko für die Frau, gibt sie zu bedenken. 

Während der Zusammenhang zwischen dem Gewicht der werdenden Mutter und dem ihres ungeborenen Kindes als erwiesen gilt, rätseln Mediziner weiter über die Langzeitfolgen eines hohen Geburtsgewichtes. Das von Ensenauer geleitete Forschungsprogramm „Peaches“, an dem sich 14 bayerische Geburtskliniken beteiligen, soll herausfinden, welche Rolle das Gewicht der Mutter bei der Entstehung von kindlichem Übergewicht spielt. Hierzu werden Gewicht und Entwicklung von Kindern stark übergewichtiger Mütter von der Geburt bis zur Einschulung dokumentiert und ausgewertet. 

Miriam zählt zu den bislang 150 Familien, die am „Peaches“-Programm teilnehmen. Sie empfinde ihr Übergewicht als sehr belastend und wolle ihrer Tochter das gleiche Schicksal ersparen, sagt sie. „Als Mutter möchtest du deinem Kind ja nicht gleich Probleme mitgeben. Wenn ich schuld wäre, dass mein Kind dick ist - das wäre kein schöner Gedanke“, sagt sie. Darum nehme sie an der Studie teil. 

Tatsächlich, so vermuten Forscher, werden bereits im Mutterleib die Weichen für das spätere Gewicht des Kindes gestellt. „Die Mechanismen verstehen wir noch nicht genau. Aber zu viel Zucker oder Fettsäuren rufen Veränderungen an der Plazenta hervor“, erklärt Ensenauer. Aufgrund entsprechender Tierexperimente gehe sie davon aus, dass der Appetit und das spätere Essverhalten eines Kindes bereits im Mutterleib programmiert würden. 

Ensenauer vermutet zwar, dass derartige Prägungen nicht unumkehrbar seien. Es handele sich aber um einen „ersten, ungünstigen Einfluss“, sagt die Kinderärztin. 

Miriam ist entschlossen, ihrer Tochter Maja eine gesunde Lebensweise mit auf den Weg zu geben. „Ich versuche, sie von allen Süßigkeiten fernzuhalten und gebe ihr nur Wasser zu trinken“, erklärt die 33-Jährige. Dabei gehe es ihr keinesfalls um Schlankheitswahn, betont sie, sondern um eine gesunde Ernährung. Töchterchen Maja, die mit 3.860 Gramm zur Welt kam, ist mittlerweile sieben Monate alt und 7,6 Kilogramm schwer. „Damit liegt sie total im Durchschnitt“, sagt Miriam fast ein bisschen stolz.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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