Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg
Wo Multikulti baden geht

Das Prinzbad in Berlin-Kreuzberg ist eine Art Mikrokosmos des Bezirks und daher insbesondere auch als Filmkulisse („Herr Lehmann“, „Prinzessinnenbad“) beliebt. Wo altlinke Paradiesvögel und jugendliche Migranten aufeinandertreffen ergibt sich ein paradoxes Bild, das alles – aber nicht langweilig ist.

HB BERLIN. Es gibt viel zu sehen an diesem Sommertag im Berliner Prinzenbad. Und zu riechen. Der Duft von Pommes und Sonnenmilch liegt in der Luft. Ein Johlen und Kreischen hallt über die drei türkisblauen Schwimmbecken. Teenager hechten ins Wasser und tollen wie junge Hunde über die Wiese. Die Jungs tragen lange Badeshorts, rasierte Schläfen und Goldkettchen, die Mädchen Bikini und Shorts. Einige Kinder schleppen deutlich zu viele Pfunde mit sich herum. Hinter einem Zaun aalen sich die nackten Sonnenanbeter. Am Kiosk spielen zwei brathähnchenbraune Männer ein Brettspiel.

Kinogänger kennen die Kulisse aus Filmen wie „Herr Lehmann“ und „Prinzessinnenbad“. Das Prinzenbad ist als städtische Badeadresse mit rund 300 000 Besuchern im Jahr fast so beliebt wie der Wannsee, es gehört zu Berlin-Kreuzberg wie Döner und Landwehrkanal. Gegenüber ragen die Hochhäuser des sozialen Wohnungsbaus in den Himmel, die U- Bahn rattert auf der Hochtrasse Richtung Kottbusser Tor. Auf der anderen Seite bewundern Touristen auf Ausflugsdampfern das Idyll am Landwehrkanal.

Das Prinzenbad ist ein Mikrokosmos des Bezirks. Kreuzberg ist nicht nur buntes, internationales Multikultiviertel mit vielen Studenten, Kreativen und altlinken Paradiesvögeln, die aussehen wie Iggy Pop, sondern auch ein Brennpunkt mit einem hohen Anteil von Einwanderern. Die Integration von Migranten, die häufig sozial schwach sind und wenig Aufstiegschancen haben, gelingt nicht immer. Besonders Polizisten, Sozialarbeiter und Hauptschullehrer spüren das.

Erhard Kraatz (52) auch. Er ist seit 1991 Badebetriebsleiter, also Chef von derzeit 26 Mitarbeitern des Sommerbads. Auch wenn das Bad in der Kriminalstatistik gut abschneidet: Zwischenfälle von Vandalismus bis zur Schlägerei sind keine Seltenheit. Gerade am Vortag wurden 22 Störer vor die Tür gesetzt, die Polizei war sechs Mal da. Sicherheitskräfte patrouillieren mit Hunden über das Gelände.

Diebstähle, aufgebrochene Schränke, sexuelle Belästigung: „Es ist immer das Gleiche“, sagt Kraatz. Er will die Dinge beim Namen nennen. „Den Ärger haben wir mit Türken und Arabern.“ Das sei leider so. „Deswegen ist man kein Nazi.“ Von der Politik fühlt sich Kraatz alleine gelassen. Diese habe es versäumt, die Ausländer zu integrieren, findet er.

Sein jüngerer Kollege, der eine Messerstecherei am eigenen Leib erfahren hat und seinen Namen nicht nennen mag, ist wie Kraatz trotz des rauen Alltags ein lockerer Typ mit Berliner Schnauze. „Hier ist die Stimme ihres Vertrauens“, sagt er via Lautsprecher und ermahnt die Jugendlichen zum x-ten Mal, nicht vom Seitenrand ins Becken zu springen. Sein Rezept: Viel Geduld, viel Reden. „Wir kennen unsere Pappenheimer“, sagt er fröhlich. Sein Motto: „Wer hier arbeitet, muss pervers sein.“ Neben ihm überwacht ein türkischstämmiger Mitarbeiter vom Turm aus das Treiben, auch das hilft beim Miteinander.

Erschüttern kann die Schwimmmeister - so heißen die Bademeister korrekt - kaum etwas. Neulich musste das Bad bis in den Nachmittag gesperrt werden, weil es in der Nacht als Toilette missbraucht wurde und wegen der Fäkalien Millionen Liter Wasser ausgetauscht werden mussten. Die verwirrte Berlinerin, die am Landwehrkanal zeltete und sich vor dem Schwimmen mit Hähnchenfett einschmierte, gehört nicht mehr zu den Stammgästen. Im Prinzenbad ist es ohnehin relativ sauber, auch wenn sich manchmal 6000 Besucher auf dem Gelände tummeln. „Dit können Sie trinken“, sagt Kraatz' Kollege und deutet auf das Wasser im Becken. Abends sammeln Kinder und Jugendliche Abfall und bekommen dafür freien Eintritt.

Nicht nur Kreuzbergs Jugend, auch ganze Familien, Studenten, Arbeiter, Filmemacher, Richter oder Ärzte gehen ins Prinzenbad. Alte Damen drehen mit Badehaube ihre Runden. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker war mal zum Anbaden da, wie Autor Matthias Oloew in seinem Buch „Prinzenbad - 50 Jahre Abtauchen in Kreuzberg“ berichtet. Wer den Trubel meiden möchte, kommt früh am Morgen, wenn die Stadt erwacht, und sucht sich einen Platz auf den dann noch leeren Stufen am Becken. So macht es Flugbegleiter Vincent (42). Er schwimmt immer zwei Kilometer Strecke, erzählt der Franzose. „Frühmorgens sind wirklich ganz nette Leute da.“ Nur ins Prinzenbad mitkommen, das wolle nie jemand.

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