Schon im Aufnahmegespräch werden die Schüler abgecheckt
Ein Traum von einer Schule

Die Regeln in dem Berliner Gymnasium sind streng und klar. Keine Handys, keine Kaugummis, keine Mützen im Unterricht. Bitte und Danke sind keine Fremdwörter, Schüler und Lehrer gehen respektvoll miteinander um - und das wie selbstverständlich.

HB BERLIN. Schulfremde werden an der Heinrich-von-Stephan-Oberschule willkommen geheißen und höflich gefragt, was sie und zu wem sie möchten. Zu ihrem Ziel werden sie begleitet. „Das sind eigentlich alles Selbstverständlichkeiten“, sagt Jens Großpietsch, Leiter der Schule im Problemviertel Moabit.

Standards schriftlich festgelegt

Doch ohne mit dem gesamten Kollegium, den Schülern und deren Eltern abgestimmte schriftliche Standards ließen sich diese „Selbstverständlichkeiten“ nicht umsetzen. Schon beim Aufnahmegespräch mit den Schülern wird der besondere Ton an dieser Schule den Eltern klar gemacht. „Wer das nicht akzeptiert, für den sind wir nicht die richtige Schule“, sagt Großpietsch.



Wirkung bleibt nicht aus

Die von einer überwältigenden Mehrheit der 280 Schüler und 27 Pädagogen anerkannten und praktizierten Standards zeigen Wirkung. Auf den Fluren, an den Wänden, in den meisten Klassenzimmern sieht es so sauber und aufgeräumt aus wie auf Singapurs Straßen, wo bekanntlich schon ein weggeworfener Kaugummi horrende Strafen nach sich zieht.

Großpietsch sagt zum Thema Sauberkeit zwei Sätze: „Wie es in Berlin auf den Straßen aussieht, darf es in unserer Schule nicht aussehen. Und wenn Sie wissen wollen, wie es um eine Schule steht, gehen Sie auf die Toilette.“ Die Toiletten hier sind blitzsauber, hygienisch einwandfrei. Alle Klassen sind an der Putzwoche und der Hofreinigung beteiligt.

Permanenter Kampf um die klare Mehrheit

Für den Rektor ist der Kampf um die Einhaltung der Standards, um Anständigkeit, Freundlichkeit, auch um Herzenswärme im Schulalltag ein permanenter Kampf um die klare Mehrheit. Von klassischem Benimm- Unterricht, wie von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt verlangt und im Saarland geplant, hält das Kollegium in Moabit nichts. „Die wissen, dass sie nicht auf den Boden spucken sollen“. Das müsse ihnen niemand erzählen. Es gehe letztlich darum, dass „keiner von den Schülern auf den Boden spucken will“.

Kein offizieller Benimm-Unterricht

Auch Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) lehnte auf Anfrage offiziellen Verhaltens-Unterricht ab. Sein Sprecher Thomas John hält „Erziehungsverträge“ zwischen Schulen und Eltern für sinnvoller als ein eigenes Unterrichtsfach. Wesentlich dabei sei, dass die vereinbarten Regeln auch gelten und kritischen Situationen standhalten.

Dafür braucht es an der Moabiter Schule täglich neu gewonnene Mehrheiten. „Wenn Sie mit 99 Nichtrauchern als einziger Raucher in einem Raum sind, wollen Sie auch nicht rauchen“, erläutert Großpietsch eines der Geheimnisse der Standards. Das Rezept wirkt angeblich: „Wir haben Schüler, die haben draußen eine dicke Polizeiakte. Aber hier drinnen machen die gar nix.“ Großpietsch weiß im Problemviertel Moabit um die „schweren Fälle“. Für die sei das Zusammenleben „nicht allein mit Bitte und Danke zu regeln“. Entscheidend sei: „Die dürfen nicht die Leitwölfe werden.“

Eltern werden einbezogen

In die intensiven Bemühungen um die ganz spezielle Schul-Moral sind auch die Eltern einbezogen. Von der siebten Klasse an wird den Schülern jede Woche ein Schreiben mit nach Hause gegeben, in dem festgehalten ist, ob sie pünktlich und ordentlich waren, ob sie ihre Materialien dabei hatten, oder auch, ob bei den regelmäßigen Kontrollen Waffen gefunden wurden. Die Eltern sind aufgefordert, den Bericht zu unterschreiben und zurück zu geben. So können Probleme bei den Elternabenden sehr offen angesprochen und geklärt werden.

Nur einmal klappte es nicht, die Eltern in die Philosophie dieser Schule einzubeziehen. Ein Schüler sollte schriftlich ein Lob erhalten und den Brief zu Hause vorzeigen. Der Schüler bat darum, auf das Schreiben zu verzichten. Sein Vater werde ihm sofort eine Backpfeife geben, wenn er ein Schreiben der Schulleitung erhält.

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