Sexuelle Belästigung in Mexiko-Stadt
Platz nehmen und unwohl fühlen

Nirgendwo anders werden Frauen öfter begrapscht als in öffentlichen Verkehrsmitteln in Mexiko-Stadt. Die Regierung und eine UN-Organisation haben der sexuellen Belästigung nun den Kampf angesagt – mit einem Penis-Sitz.
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Mexiko-StadtFast jede Frau, die schon mal in Mexiko-Stadt U-Bahn gefahren ist, kann von Erlebnissen berichten wie Maria Castro: Die Designerin erinnert sich an die Fahrt in der überfüllten Linie 1 vor ein paar Jahren, als plötzlich jemand seine Hand auf ihren Po legte und dann versuchte, sie zwischen ihre Beine zu schieben. „Es war so voll, ich konnte nicht mal sehen, wer es war, als ich mich umdrehte.“

Begrapscht, befummelt, obszön angesprochen, verfolgt – das sind Geschichten, wie sie jeden Tag vielen Frauen widerfahren, die eine der 15 U-Bahn- oder Schnellbuslinien nehmen. Mexiko schneidet beim Thema Frauenfeindlichkeit im öffentlichen Nahverkehr sehr schlecht ab. Eine Umfrage in 15 großen Metropolen der Welt von 2014 ergab: Nirgends werden Frauen öfters belästigt, begrapscht oder sexuell beleidigt als im Verkehrssystem der mexikanischen Hauptstadt.

Der männlichen Phantasie scheinen beim Stalking in der zweitgrößten Stadt der Welt keine Grenzen gesetzt. Neun von zehn Frauen, die regelmäßig die Metro in Mexiko nutzen, berichten von Übergriffen, verbalen Attacken oder sexistischer Anmache. „Wenn ich die U-Bahn nehme, ziehe ich keine Röcke an und kein Oberteil mit Ausschnitt“, sagt die 44-Jährige. Und sie steigt, wann immer es geht, in die extra für Frauen reservierten Waggons in U-Bahn und Metrobus. In den Stoßzeiten achten Polizisten darauf, dass sich keine Männer in die Frauenwaggons schummeln.

Die Regierung und die Frauenorganisation UN Women haben jetzt mit einer ungewöhnlichen und etwas verstörenden Aktion auf das Problem der sexuellen Belästigung aufmerksam gemacht. Die Aktion provoziert und will das auch.

In der Linie 7, die Mexiko-Stadt von Nord nach Süd durchquert und eine der meistbenutzten Routen ist, haben Künstler einen Sitz installiert, der einen kräftigen Penis inmitten des Sitzbereichs sowie eine männliche Brust als Lehne ziert. „Wir wollten uns damit ausdrücklich an die Männer richten“, sagt Yeliz Osman vom mexikanischen UN-Women-Büro. „Es ist der Versuch, Einfühlungsvermögen zu schaffen und so das Verhalten der Männer zu ändern.“

Auf Youtube ist ein kurzes Video von der Aktion zu sehen und wie die U-Bahn-Nutzer auf den Sitz reagieren: Manche sind angewidert, andere belustigt, ein Mann versucht, seine Jacke auf die Sitzfläche zu legen. Am Fenster über dem Sitz steht: „Sitzplatz nur für Männer“ und auf dem Boden vor dem ungewöhnlichen Platz ist ein Schild befestigt, auf dem steht: „Es ist sehr unangenehm, hier zu sitzen. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was Frauen jeden Tag erfahren müssen.“ Seit die Organisatoren das Video mit dem Titel „Experimento asiento“ (Sitz-Experiment) am 20. März online gestellt haben, ist es mehr als 900.000 Mal angeklickt worden. Aber die Reaktionen auf die Aktion waren gemischt: Vor allem Männer bezeichneten die Kampagne als unangemessen und sexistisch.

Maria Castro findet die Penissitz-Aktion in der U-Bahn daher auch gut und hilfreich, fürchtet aber, dass es am grundlegenden Problem nichts ändert. „Solange die Täter nicht belangt und bestraft werden, geht da so weiter!“ Aber in Mexiko bleiben neun von zehn Straftaten ungesühnt.

Damit sich daran etwas ändert, plant Mexiko-Stadt eine weitere Aktion. Künftig soll auf Plakaten in den U-Bahnhöfen erläutert werden, wie Frauen unkompliziert und schnell Anzeige erstatten können.

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
Handelsblatt / Korrespondent

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