Small Talk
Chorweiler statt Monaco

Frank Appel im Urlaub, feiernde G20-Polizisten, Wrestling-Trump: Was verhältnismäßig ist, sieht jeder anders. Die Small-Talk-Munition fürs Wochenende – präsentiert von Handelsblatt 10!
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Reden wir über Verhältnismäßigkeit. Und damit ist nicht die Frage gemeint, ob es verhältnismäßig ist, dass Donald Trump in einem Video einen Gegner mit aufmontiertem CNN-Logo am Rande eines Wrestling-Rings verprügelt. Und das in einem Tweet bejubelt. Der amtierende US-Präsident, wohlgemerkt. Oder ob es noch verhältnismäßig ist, dass RTL2 eine Promi-Version der Datingshow „Naked Attraction“ plant – wogegen „Big Brother“ dann schon wie eine intellektuelle Gesprächsrunde anmutet.

Nein: Es geht um die Art von Verhältnismäßigkeit, die einen noch einmal über die Werte der Gesellschaft nachdenken lässt, in der wir leben. Dr. Frank Appel zum Beispiel. Der Post-Chef hat neulich in einem Interview darüber gesprochen, wie er sich und die Welt sieht: „Ich sage auch Menschen, die weniger Geld haben: Investiert in Reisen. Man kann nach Peru sicher auch anders reisen, als ich es tue.“ Sprich: weniger luxuriös. Es ist sicher lieb gemeint, dass er auch Menschen, die weniger als knapp zehn Millionen Euro im Jahr verdienen, das Recht auf einen Urlaub zugesteht. Aber es offenbart auch eine sehr feudalistische Sicht auf die Welt: Was ich verdiene, ist vollkommen korrekt. Denn ihr, die ihr euch darüber aufregt, könnt genau das Gleiche machen wie ich: essen gehen (nur halt bei Meckes und nicht im Borchardt), wohnen (halt Chorweiler und nicht Monaco), shoppen (halt in der Siegburger Fußgängerzone und nicht auf der Mailänder Via Montenapoleone) oder in Urlaub fahren. Auch in Fulda gibt es günstige Hotels. Denn für Peru reicht es wahrscheinlich doch nicht ganz – Ryanair fliegt noch nicht nach Lima.

Stell dir vor, unsere Gesellschaft wandelt sich und einige hinken hinterher. Was früher noch verhältnismäßig war, ist heute nicht mehr gern gesehen: Da sind doch glatt nach einem deftigen Saufgelage drei Hundertschaften G20-Polizisten zurück nach Berlin geschickt worden. „Wir haben gefeiert“, sagen sie. In einem Chat von Berliner Polizisten ist von „Tanzen auf Containern, F***erei, Strippen mit Waffen, Pissen im Zugverband“ die Rede. Früher hätten sich die Teilnehmer damit für den inneren Führungskreis qualifiziert. Heute geht so etwas nicht mehr.

Manchmal allerdings findet der Wandel zulasten der Meinungsvielfalt oder sogar der Kultur statt. Im Zeichen der inneren Sicherheit muss die traditionsreiche Buchhandlung Ludwig im Kölner Hauptbahnhof nun weichen, weil die Polizei größere Räume braucht. Kölner Hauptbahnhof, da war doch an Silvester was? Richtig. Aber muss es gleich eine Buchhandlung sein, die dort seit Jahrzehnten Bücher, Träume und Lebenshilfe verkauft? Eine Filiale von Orsay oder Rossmann hätte es doch auch getan. Aber so ist das halt immer öfter mit der Verhältnismäßigkeit: wenn schon, denn schon.

Ein sonniges Wochenende!

Dieser Artikel ist exklusiv in der Smartphone-App Handelsblatt 10 erschienen, die jeden Tag mit 10 Autorenstücken die wichtigsten Themen des Tages zusammenfasst. An jedem Freitag präsentieren wir Ihnen die Höhepunkte die Kolumne „Small Talk“. Was Handelsblatt 10 sonst noch alles zu bieten hat, erfahren Sie hier.

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