Sprengstoff-Alarm
Weiter Verwirrung um AKW-Zwischenfall in Schweden

Die Verwirrung um einen Sprengstoff-Alarm in dem schwedischen Atomkraftwerk in Oskarhamn wächst: Vereitelter Sprengstoffanschlag, Entwarnung, Festnahmen von zwei Verdächtigen – so lässt sich der Mittwoch in Oskarshamn an der südschwedischen Ostseeküste zusammenfassen.

STOCKHOLM. Am Morgen war zunächst ein Handwerker beim Betreten des AKWs gestoppt worden, weil die Sicherheitsscanner Sprengstoff in seiner mitgeführten Plastiktüte signalisierten. Der Mann wurde zum Verhör abgeführt. Am Mittag dann Entwarnung: Es habe sich keine Bombe oder Sprengstoff in der Tüte befunden, wie mehrere Nachrichtenagenturen spekulativ berichtet hatten, sondern man habe nur Spuren einer chemischen Substanz, möglicherweise Bestandteile des hochexplosiven TATP, an der Außenseite der Tüte entdeckt. Wie sie dahin kamen, konnte sich der Handwerker nicht erklären.

Am späten Nachmittag dann die erneute Wende in dem Fall, der durch eine zum Teil unseriöse Berichterstattung in Schweden und im Ausland für große Aufmerksamkeit gesorgt hat: Die Polizei gab die Festnahme von zwei Männern im Alter von 53 und 44 Jahren wegen des Verdachts auf Sabotage-Vorbereitung bekannt. Die Polizei betont, es sei nur ein Anfangsverdacht. Die zuständige Staatsanwältin schweigt vollständig. Einer der beiden Männer soll der Polizei wegen eines geringfügigen Vergehens bekannt gewesen sein.

Beide Männer sollen nach den spärlichen Polizeiangaben seit Anfang Mai in dem für Servicearbeiten gestoppten Reaktor 2 in Oskarshamn Isolier-Arbeiten ausgeführt haben. Sie sind nicht bei dem Reaktor-Betreiber OKG beschäftigt, der der deutschen Eon und der finnischen Fortum gehört, sondern seien von einem beauftragten Handwerksunternehmen geschickt worden, hieß es. Die Polizei untersuchte am Abend mit Hunden und technischer Ausrüstung die Bereiche im Reaktor, an denen die beiden Männer in den vergangenen Wochen gearbeitet hatten. Ein Sprecher der schwedischen Polizei wollte nicht ausschließen, dass es sich bei der an der Tüte entdeckten Substanz auch um Schmauchspuren eines Gewehrs handeln könne.

Bei der Betreibergesellschaft OKG und dem Hauptaktionär Eon gab man sich gelassen: Der Zwischenfall zeige, dass die strikten Sicherheitsvorkehrungen funktionierten, hieß es. Es ist nicht der erste Zwischenfall in einem der insgesamt zehn schwedischen Atomreaktoren, aus dem das Land die Hälfte seines Stroms bezieht. 2006 war es in einem Reaktor in Forsmark nördlich von Stockholm zu einem Kurzschluss gekommen. Nur durch die sofortige Notkühlung konnte nach Experteneinschätzung eine Kernschmelze verhindert werden. Zwei baugleiche Reaktoren in Oskarshamn wurden sicherheitshalber vom Netz genommen, bis die Ursache des Kurzschlusses feststand. Erst nach mehrmonatigen Arbeiten an den betroffenen Siedewasserreaktoren gingen sie wieder ans Netz.

Der aktuelle Zwischenfall in Oskarshamn sei zu keinem Zeitpunkt gefährlich gewesen, ließen die Betreiber verlauten und unterstrichen, dass ein Abschalten der übrigen beiden Oskarshamn-Reaktoren zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion stand.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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