Stierhatz von Pamplona
Auf den Spuren von Hemingway - jedes Jahr wieder

Pamplona öffnet wieder die Arena: Touristen und Einheimische werden auch dieses Jahr vor den Stieren herrennen und ihr Leben riskieren. Und während es die einen als großartiges Volksfest wahrnehmen, ist es für die anderen Tierquälerei.

HB PAMPLONA/MADRID. An diesem Freitag beginnen im nordspanischen Pamplona die berühmten Stiertreiben („encierros“), bei denen bis zum 14. Juli jeden Morgen mehrere Hundert Einheimische und Touristen ihren Mut unter Beweis stellen oder auch leichtsinnig ihr Leben aufs Spiel setzen. Eröffnet wurde Spaniens international bekanntestes Volksfest am Donnerstag mit dem Abschuss einer Rakete vom Rathausbalkon der 185 000 Einwohner zählenden Stadt.



Neu ist dieses Jahr das „Hatz-O-Meter“, ein von der örtlichen Universität entwickeltes Computerprogramm, mit dem potenzielle Teilnehmer das Risiko ermitteln können, das Fest auf einer Trage zu verlassen. Es ist eine Art Test, bei dem bestimmte Fragen nach sportlicher Leistungsstärke, Kenntnisse der Grundregeln oder psychischer Einstellung beantwortet werden müssen. Auf einer Skala von 0 bis 10 erfährt der Nutzer dann, ob er geeignet ist oder sich das Ganze lieber aus sicherer Entfernung von den Holzabsperrungen aus anschauen sollte. Auch über Internet kann der Test gemacht werden (www.sanfermin.com/encierrometro).



Für den Deutsche Tierschutzbund ist die Hatz eine als Kulturtradition getarnte Tierquälerei. „Wer das Stiertreiben in Pamplona oder irgendwelche anderen Stierkämpfe als fröhliches und traditionelles Ereignis feiert, verschließt die Augen vor Tierleid und dem äußerst grausamen Umgang mit den Tieren“, hieß es in einer Erklärung. Auch die spanische Regierung müsse endlich aufwachen und dieses Spektakel nicht länger dulden.



Als Ernest Hemingway (1899-1961) in den 20er Jahren erstmals die Stierhatz von Pamplona miterlebte, hatte sich kaum mehr als eine Hand voll Fremde dorthin verirrt. Dass das Spektakel heute bis zu eine Million Menschen anzieht, darunter zahllose ausländische Touristen, hat die Kleinstadt vor allem dem US-Schriftsteller zu verdanken: In seinem Roman „Fiesta“ setzte er der Stierhatz 1926 ein literarisches Denkmal.



Der Ablauf hat sich seither kaum geändert: Nach dem Abschuss einer Rakete öffnen Helfer um punkt 8.00 Uhr morgens das Gatter und lassen jeweils sechs Kampfstiere und sechs Leitochsen frei. Hunderte waghalsige junge Männer, die weiß gekleideten „mozos“, rennen dann vor den 600-Kilo-Kolossen durch die engen Gassen der Altstadt. Um die Bullen von sich fern zu halten, ist nur eine zusammengerollte Zeitung erlaubt. Die Hatz endet nach 825 Metern in der Arena. Dort werden die Stiere abends bei einer „corrida“ von den Toreros getötet.



Der Lauf dauert in der Regel kaum mehr als zwei Minuten. Er ist dennoch lebensgefährlich. Seit 1924 kamen 14 Teilnehmer ums Leben, der bislang letzte von ihnen vor drei Jahren. Sie waren von den Stieren auf die Hörner genommen oder zu Tode getrampelt worden. Jedes Jahr werden auch viele Teilnehmer verletzt, 460 waren es im vorigen Sommer. Oft sind unerfahrene Urlauber die Opfer. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, wenn es brenzlig wird: Die Profis werfen sich auf den Boden, verschränken die Arme über dem Kopf und bleiben regungslos liegen, bis die Bullen vorbeigerannt sind.



Die meisten Verletzungen gehen indes nicht auf die Stiere zurück, sondern auf Stürze von Teilnehmern. Oftmals ist der Andrang auf der Strecke so groß, dass die Läufer sich gegenseitig behindern und auf dem holprigen Kopfsteinpflaster stolpern. Während die echten „mozos“ sich monatelang auf die Hatz vorbereiten, riskieren viele ausländische Möchtegern-Toreros auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick jedes Jahr leichtsinnig Kopf und Kragen. Nicht selten gehen sie nach einer durchzechten Nacht auf die Strecke, versuchen, die Stiere zu reiten oder sie am Schwanz zu packen. Damit bringen sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere in Gefahr: Die Tiere bleiben stehen, wenden und gehen gezielt auf einzelne Läufer los.

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