Tsunami
Nach vorne schauen

Der Tsunami hat einer indischen Fischersfrau zwei Kinder geraubt und viel Lebensfreude - wie sie dennoch die Kraft gefunden hat weiterzuleben.

HB CHANDRABADI. Die Bilder kommen immer wieder, Nacht für Nacht. Bilder von dreckigen Wasserbergen und donnernden Wellen. Menschen kreischen, Hausdächer und Wände stürzen ein. Danach Stille, in entwurzelten Sträuchern hängen Kleiderfetzen, unter den Trümmern Arme und Beine, Scherben und Blechschüsseln. Ruhig und leise spricht Thenazhiki über die Erinnerungen, die in ihr wüten, ihr den Schlaf rauben, sie gelegentlich auch tagsüber ins Leere starren lassen. Die Tränen, die dabei fließen, will sie nicht zeigen. Hastig wischt sie sich mit ihrem hellblauen Sari übers Gesicht.

Seit einem Jahr hat die 35-Jährige Albträume, seitdem der Tsunami nach Chandrabadi kam, einem Fischerdorf an der südindischen Küste. Tod und Zerstörung, Angst und Trauer ließ er zurück. Die Schäden der Katastrophe, die sich mit Holz, Beton und körperlicher Arbeit beseitigen ließen, sind heute kaum mehr zu sehen. In ihrem Kopf, in ihrer Seele sind sie dagegen bis heute präsent. Immerhin, es gibt Fortschritte, wenn auch ganz kleine: "Ich kann heute über den Tsunami sprechen", sagt Thenazhiki und lächelt. Die Haare streng zurückgekämmt, im Nacken gebunden, sitzt sie im Schneidersitz auf dem Lehmboden und erzählt von diesem Tag, der ihr Leben in vorher und nachher teilt, in ein Leben, das stets beschwerlich war, jetzt aber noch mühsamer wurde, ein Leben, das sie einst mit vier Kindern teilte, jetzt nur noch mit zweien.

Kurz nach neun Uhr morgens erreicht der Tsunami am 26. Dezember 2004 die ostindische Küste. An eine laute, dunkle Flutwelle werden sich die Menschen später erinnern, höher als die Kokospalmen, die den Strand säumen, schneller als der Bus, der sie manchmal in die nächstgelegene größere Stadt bringt, lauter als der Motor der größten Kutter, die sie kennen. Die Welle zerschmettert die Boote am Strand, die Häuser dahinter, zerstört den Brunnen und den Hindu-Tempel der Fischer. Tötet am Ende 10 000 Menschen an der indischen Ostküste. Das Meer kommt und geht, kommt und geht, zwei Mal wälzt es sich heran, zwei Mal reißt es beim Rückzug alles mit sich. Es sind in Indien vor allem Fischer, die am härtesten betroffen sind, und Dalits - Kastenlose, die im hinduistischen Gesellschaftssystem als Abschaum gelten, als unberührbar.

Als die Welle kommt, ist Thenazhiki auf dem Weg vom Strand nach Hause - zusammen mit ihrem Mann. Gemeinsam tragen sie den Fisch, den er an diesem Morgen gefangen hat. "Es war kein guter Fang", erzählt sie. Das Meer sei sehr aufgewühlt gewesen. "Wir hatten Vollmond, wir dachten, das ist normal bei Vollmond."

Zwei ihrer Kinder, die jüngeren, sind zu Hause. Die beiden älteren Kinder spielen draußen vor dem Haus. Sie können sich retten - irgendwie. Ebenso wie Thenazhiki und ihr Mann. Die beiden anderen Kinder überleben die Flutwelle nicht.

Kurz nach der Katastrophe verkündete Indiens Regierung, man komme allein zurecht, ohne staatliche Hilfe aus dem Ausland. Die Armee rückt mit Räumfahrzeugen an, lokale Hilfsorganisationen und Behörden versorgen die Überlebenden.

Bis die ersten Helfer nach Chandrabadi kommen und die Leichen wegschaffen, dauert es vier Tage. Vier Wochen vergehen, bis die größten Trümmer beseitigt sind. Diese Zeit erlebt Thenazhiki wie im Koma - "wach, aber unfähig, irgendetwas zu unternehmen", sagt die Frau. Das habe sich erst nach einigen Monaten geändert. Die Hilfsorganisationen, die in ihr Dorf gekommen wären, die hätten nicht nur Essen, Kleidung und Boote gebracht, sondern auch Hoffnung. "Das hat uns aufgerüttelt, uns deutlich gemacht, dass wir uns zusammenreißen müssen für unsere Kinder, für die, die überlebt haben."

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