U-Bahnlinie 55
Die Kanzler-U-Bahn nimmt Fahrt auf

14 Jahre hat die Bauzeit gedauert – für eine ziemlich kurze Strecke. Nun wird in Berlin die neue U-Bahn-Linie zwischen dem Brandenburger Tor und dem Pariser Platz ihren Betrieb aufnehmen. Vor allem geschichtsträchtig ist es unter der Erde.

Wo und wie war die Mauer? Antworten darauf finden sich jetzt 15 Meter tief unter dem Brandenburger Tor in Berlin. Im neuen Bahnhof der „Kanzler-U-Bahn“, die an diesem Samstag erstmals Fahrt aufnimmt, können Berliner und Touristen Stadt- und Mauergeschichte im Vorübergehen erleben. Direkt unter dem Pariser Platz erinnern in der U-Bahn-Station Brandenburger Tor Filme, Karten, Fotos und Zitate an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung.

Berlins neue U-Bahn will mehr sein als ein gelber Zug mit vier Waggons, der durch drei schicke Bahnhöfe unter dem Regierungsviertel hindurchrollt. Der U-Bahnhof Brandenburger Tor, 15 Meter unter Berlins Wahrzeichen gelegen, hat ganz bewusst einen „Geschichtsanschluss“. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nannten den Gedenkort am Freitag eine wichtige Dokumentationsstätte mitten in der Stadt. Sie entstand als Teil der Mauerinformation für rund 450 000 Euro als gemeinsames Projekt von Bund und Land. Naumann versteht den U-Bahnhof mit Geschichtsanschluss als zentralen Informationsort in der Hauptstadt, an dem die „Brutalität der Berliner Mauer“ deutlich werde. Wowereit sieht hier auch die Erinnerung an die „vielen Opfer des DDR- Unrechtsstaats“ wachgehalten.

An die wechselvolle Berlin-Geschichte erinnert unter anderem das berühmte Zitat des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Es erwies sich schon wenige Wochen später als Lüge. Der Weg zum U- Bahnsteig führt auch an der Aufforderung von US-Präsident Ronald Reagans aus dem Jahr 1987 vorbei: „Mister Gorbachev, reißen Sie die Mauer nieder.“´Die neue U-Bahn fährt vom Bahnhof Brandenburger Tor über die Station Bundestag zum Berliner Hauptbahnhof. Bis zum Weiterbau in Richtung Alexanderplatz ist sie mit 1,8 Kilometern die kürzeste Linie in Deutschland - und mit 3 20 Millionen Euro Baukosten wohl auch die teuerste. Rechnen dürfte sich die Linie erst, wenn sie für weitere 4 33 Millionen Euro über die Museumsinsel zum Alexanderplatz verlängert wird - 2017 soll es soweit sein.

Für die neue U-Bahn-Linie haben Kritiker nur Spott übrig: „Stummellinie“ nennen sie die U55 abschätzig. Denn noch haben die kurzen Tunnelröhren, in denen Züge maximal auf 50 Stundenkilometer beschleunigen können, keine Verbindung zum restlichen U-Bahnnetz. Verkehrsexperten erinnert die Mini-Strecke an einen Schildbürgerstreich. Berlin ist wohl die einzige Stadt, die U-Bahn- Waggons mit einem Lastkran in die Unterwelt hieven muss.

Doch es gibt sie nun einmal, die Kanzler-U-Bahn. Ihre Planung fiel in die Berlin-Euphorie der frühen Nachwendezeit, in der Architekten auch den riesigen, gläsernen Hauptbahnhof entwarfen. Zur Jahrtausendwende hat Berlin den U-Bahn- Bau aus Geldnot gestoppt. Doch der Bund als Hauptfinanzier drückte die Fertigstellung mit einem Ultimatum durch: entweder die Hauptstadt zahlt Millionen Euro Bundesgelder zurück - oder die U-Bahn fährt.

Berlin buddelte verschreckt weiter. An weniger prominenter Stelle, vermutet der kritische Berliner Fahrgastverband, wären die Arbeiten irgendwann trotzdem eingestellt worden. Vor dem Reichstag aber liefen Abgeordnete und ihre Wähler jeden Tag am verriegelten „Geisterbahnhof“ Bundestag vorbei, der zuletzt nur für Opernaufführungen geöffnet wurde.

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