Volksfern
Die distanzierte Monarchin

Bürgernähe versuchte Elizabeth II. mit einem Besuch bei McDonald's herzustellen. Und ihren Thron will sie auch mit 80 Jahren nicht räumen. Die Queen hat ihren eigenen Kopf und ist auf dem besten Weg, einen neuen Rekord aufzustellen.

HB FRANKFURT. Für Schlagzeilen sorgt das britische Königshaus zurzeit kaum noch. Das letzte große Medienereignis – von den Eskapaden des jungen Prinzen Harry einmal abgesehen – war die Hochzeit von Thronfolger Prinz Charles und Camilla Parker Bowles im April 2005. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Öffentlichkeit längst an die einst so verpönte Beziehung der beiden gewöhnt. Insgesamt halten sich die Royals bedeckt, und dies dürfte ganz dem Wunsch von Königin Elizabeth II. entsprechen.

Die Queen hat während ihrer langen Regentschaft stets den Abstand zum Volk gewahrt, und so ist sie ihren Untertanen auch immer unnahbar geblieben. Zwar hat sie sich nach dem jähen Unfalltod von Prinzessin Diana im Jahre 1997 wie alle anderen Familienmitglieder um etwas mehr Bürgernähe bemüht – so gab es einen ausgiebig dokumentierten Besuch bei McDonald's. Doch Beobachter sind sich darin einig, dass es die Monarchin viel Mühe kostet, bei solchen Anlässen entspannt zu wirken.

Seit nunmehr 54 Jahren gibt sich die Queen als würdevolles, aber distanziertes Staatsoberhaupt, das immer die Fassung behält. Damit verkörpert sie Jahrhunderte alte Traditionen ebenso wie das Klischeebild der kühlen Briten schlechthin. „Die Königin herrscht, aber sie regiert nicht“, wird ihre Funktion im britischen Staat umschrieben, und diese erfüllt sie voll und ganz. Lange galt für sie auch der Spruch, die Königin werde von ihrem Volk geachtet und verehrt, aber nicht unbedingt geliebt.

Doch selbst der Respekt gilt mittlerweile als angekratzt. Zu häufig haben Skandale das Vertrauen der Briten in ihre Monarchie so nachhaltig erschüttert, dass diese schon als Auslaufmodell gehandelt wird. Dabei war es ironischerweise der erste große Eheskandal im Hause Windsor, der Elizabeth überhaupt auf den Thron brachte. Ihr Onkel Edward VIII. verzichtete 1936 auf die Krone, um die zwei Mal geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. Daraufhin wurde sein jüngerer Bruder König – Elizabeths Vater. Die Kronprinzessin wurde schon im Alter von 25 Jahren in die Pflicht genommen, als Georg VI. im Februar 1952 starb. Ihre Krönung fand am 2. Juni 1953 in der Londoner Westminster-Abtei statt und wurde als riesiges Volksfest gefeiert. In derselben Kirche hatte Elizabeth am 20. November 1947 Philip Mountbatten geheiratet. Die junge Königin stellte sich ganz aufs moderne Kommunikationszeitalter ein und ließ zu, dass ihre öffentlichen Auftritte zum Medienereignis wurden. Allerdings hätte sie damals wohl kaum ahnen können, wie sich die Boulevardpresse einmal auf ihre Kinder einschießen würde.

Die Skandale der Royals

Sprichwörtlich ist mittlerweile ihre Bezeichnung „annus horribilis“ für das Jahr 1992. Dieses „Schreckensjahr“ begann mit der Ehekrise zwischen Prinz Andrew, dem zweiten Sohn der Queen, und seiner Frau Sarah, genannt „Fergie“. Die beiden trennten sich im März. Im April ließ sich Tochter Anne von Hauptmann Mark Phillips scheiden. In den Sommermonaten wurden intime Telefongespräche von Charles und Diana mit jeweils anderen Liebhabern publik. Die Trennung des Thronfolgerpaares wurde im Dezember 1992 bekannt gegeben, die Scheidung folgte 1996.

Zu diesem Zeitpunkt erreichte das Ansehen des Königshauses seinen Tiefpunkt. Bei einer Umfrage im Februar 1996 vertraten 43 Prozent die Ansicht, dass die Monarchie die nächsten 50 Jahre nicht überleben werde. Nach neueren Erhebungen lehnen es die einst so traditionsbewussten Briten mehrheitlich ab, noch als königliche Untertanen zu gelten. Und die Distanziertheit der Queen wird häufig als Kälte, Verbissenheit und Verbitterung ausgelegt.

Auch wollen die Bürger nicht mehr für alle Kosten der Monarchie aufkommen. Schon 1992 wurde gefordert, dass die Queen mit einer jährlichen Apanage von acht Mill. Pfund (fast zwölf Mill. Euro) und einem Privatvermögen von vermutlich 15 Mill. Pfund Einkommensteuer zahlen sollte. Als dann ein Teil von Schloss Windsor abbrannte, empörte sich die Öffentlichkeit darüber, dass Elizabeth die Reparaturkosten dem Staat aufbürden wollte. Sie finanzierte den Wiederaufbau schließlich selbst und erklärte sich auch bereit, Steuern zu zahlen.

Inzwischen ist das Interesse am Königshaus abgeflaut. Auch die Hochzeit von Charles und Camilla, der die Queen auf dem Standesamt demonstrativ fernblieb, hat kaum Wellen geschlagen. Lange hatte es geheißen, dass die Briten Camilla zwar als Geliebte des Thronfolgers, nicht aber als ihre künftige Königin akzeptieren wollten. Auf diesen Titel will Camilla angeblich verzichten und stattdessen als Prinzgemahlin gelten. Doch schon seit Jahren wird ohnehin spekuliert, dass Charles die Krone gleich seinem ältesten Sohn William übertragen könnte.

Aber noch hat die Queen die Regentschaft fest in der Hand. Wenn sie genau so lange rüstig bleibt wie ihre Mutter, die 101 Jahre alt wurde, könnte sie in zehn Jahren sogar den Rekord von Königin Viktoria einstellen. Diese saß 64 Jahre auf dem britischen Thron. Der heute 57-jährige Charles wiederum könnte zum ältesten Thronbesteiger werden. Bislang war dies Wilhelm IV., der 1830 im Alter von 64 Jahren König wurde. Doch wie immer die Nachfolge auch aussehen könnte - Beobachter mutmaßen, dass mit Elizabeth II. die glorreiche Zeit der britischen Monarchie für immer zu Ende gehen dürfte.

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