Warum Palermos Händler zittern
Festtage der Mafia – oder: Das Schweigen der anderen

Bald ist Weihnachten, und Palermos Mafia tut Gutes - und zwar sich selbst. Ihr Kerngeschäft, die Schutzgelderpressung, floriert: Ein Drittel ihres Jahresumsatzes macht sie vor Weihnachten. In diesem Jahr macht die Cosa Nostra besonders Druck. Wer sich verweigert, hat schnell ein Problem. Wer redet, auch. Der Gastronom Vincenzo Conticello hat geredet. Er verlässt ohne Leibwächter nicht mehr das Haus. Gestern haben Ermittler 100 Mafiosi festgenommen, das macht ihm Mut.

PALERMO. Als die silberne Statue der Immacolata die Kirche des Heiligen Franziskus verlässt, knallt es. Eine Konfettibombe steigt direkt neben dem Eingang empor. Sie verwandelt sich in eine Wolke aus roten, blauen, grünen und goldenen Papierfetzen, die die mit Brillanten geschmückte Statue wie fliegende Fische umschwänzeln. Die Menschen auf der Piazza brechen in Jubel aus. Ein paar sinken ergriffen auf die Knie.

Palermo, 8. Dezember 2008. Das Fest der unbefleckten Empfängnis ist eines der wichtigsten in der Stadt, die Prozession eines der Ereignisse des Jahres. Maria, ohne den Makel der Erbsünde von ihrer Mutter geboren, wird als "Königin der Stadt" gefeiert. Dieses Jahr muss die Prozession einem Hindernis ausweichen. Auf der engen Piazza steht ein Polizeiauto. Zwei Beamte mustern mit strengem Blick die Menge. Sie sind hierher befohlen, seit Monaten schon, Palermo ist nicht so unbefleckt wie die Madonna, die sie hier so verehren. Die Polizei schützt einen, mit dem man sich bis vor kurzem noch gerne zeigte in Palermo.

Vincenzo Conticello, ein stämmiger Endvierziger, steht verdeckt von zivilen Leibwächtern auf dem Balkon im ersten Stock seiner Focacceria. Er ist sehr bekannt. Er hat seine Kindheit in diesem Viertel verbracht. Er hat das Geschäft übernommen, das seine Familie seit Ewigkeiten geführt hat und das eine Menge berühmter Italiener angelockt hat: die "Antica Focacceria San Francesco".

Die Leute, auch die, die jetzt die Piazza zu seinen Füßen füllen, grüßen ihn nicht mehr.

Wer sich wehrt, ist in Palermo schnell einsam

Vincenzo Conticello hat sich geweigert, der Mafia Schutzgeld zu zahlen. Er hatte den Mut, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Auch Morddrohungen haben ihn nicht davon abgehalten. Bis dahin hatte ganz Palermo seine Nähe gesucht. Conticello gehörte zum Establishment.

Sein Lokal, Jugendstilausstattung, vor 110 Jahren entworfen vom Architekten des Teatro Massimo, war eines der angesagtesten der Stadt. Politiker, Unternehmer und Künstler kamen, der Catering-Service lief bestens. Um einen Tisch zu bekommen, musste man vorbestellen oder längere Zeit warten. Auch wegen dieses Sandwiches, das Conticellos Urgroßvater erfunden hatte. Der hatte Rindermilz in fast carpaccio-zarte Scheiben geschnitten, gebraten und in ein aufgeschnittenes Brötchen gesteckt und damit die Prominenz angelockt. Garibaldi soll bei ihm eine Pause von seiner Revolution genommen haben, der Dramatiker Pirandello und der Schriftsteller Sciascia kamen.

Seit die Schutzgeldeintreiber verurteilt sind, findet man problemlos Platz. Wer sich wehrt, ist in Palermo schnell einsam. Und vielleicht sogar pleite. Conticellos Fall ist ein prominenter, einer der wenigen, die öffentlich werden, aber längst nicht der einzige. Oft taucht die Mafia vor Weihnachten auf. Auch sie drängt es, Gutes zu tun. Und zwar sich selbst. In der Weihnachtszeit betreibt sie ihr Kerngeschäft, die Schutzgelderpressung, mit besonderem Ehrgeiz. Wenn überall in der Stadt festliche Lichter angesteckt werden, treibt die Cosa Nostra bei den Unternehmern einen Extra-Obolus ein. Die Polizei schätzt, dass drei von vier Firmen zahlen, je nach Größe zwischen 500 und 5 000 Euro. Macht bei 90 000 Unternehmern 50 bis 60 Millionen Euro, gut ein Drittel der jährlichen Schutzgeldergebnisses in Palermo und der umliegenden Provinz, wenn der Soziologe Antonio La Spina richtig gerechnet hat. La Spina hat im Auftrag der Stiftung Rocco Chinnici Gerichtsakten gewälzt und Mafia-Aussteiger sowie Unternehmer befragt. Dabei ist er auf Jahreseinnahmen von 175 Millionen Euro gekommen.

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