Welchen Ferrari sollte er sonst mit nach Monza nehmen?
Geehrt, begehrt, begütert

Wovon träumt ein Mann? Wann ist ein Mann glücklich? Männerphantasien, ein Werkstattbericht.

Es war der bitterkalte Morgen eines noch dunklen Vorweihnachtstages, er stülpte sich den Kragen in den Nacken, der Bahnsteig matschig und die Luft großstadtfeucht, warf den Schal über die Schulter und steckte Geld in einen Schlitz. Sein Blick wanderte voller Verachtung über die Balkone und Terrassen einer traurigen Mittelmäßigkeit, über blau blinkende Girlanden und kletternde Weihnachtsmänner. Er sah die Versager in ihren Wichtelkostümen, ein fesches olivgrün, ein freches steingrau, die sich jeden Tag zu nachtschlafender Zeit aus ihren Häusern in Nikolassee auf den S-Bahnhof schlichen, damit sie nicht zu spät in ihre Büros nach Berlin-Mitte gelangten.

Auch er trug einen Trench mittlerer Größe und den unauffälligen Tweed des mittleren Preissegments. Auch er war ein Mann mittleren Alters im mittleren Management. Doch hinter den Rändern seiner braunen Hornbrille lauerten die flinken Augen einer gefährlich gereizten Dschungelkatze. Er war stets auf dem Sprung. Nach oben. Nach ganz oben.

Der Zug fuhr in den S-Bahnhof ein, er schnippte die gerade angerauchte Players Navy Cut aufs Gleis, klopfte sich den Matsch von den Schuhen und stieg mit betonter Ruhe als Letzter in das noch fast leere Abteil. Er setzte sich, entnahm seiner Mappe die Zeitung und wusste, dies würde der Beginn einer wunderbaren Konversation sein.

Einer Konversation nämlich, die er seit Jahren mit selbst zu führen pflegte, sozusagen zur frühmorgendlichen Leistungsmotivation. Man muss, davon war er felsenfest überzeugt, sich seine Ziele ständig vor Augen führen. Am Bahnhof Schlachtensee begann sein Zwiegespräch mit der Wettermeldung auf dem Bildschirm an der Decke des Abteils und der imaginierten Verleihung des diesjährigen Best Broker Awards in New York.

Tageshöchsttemperatur drei Grad. Das war die Auszeichnung, hinter der er her war wie der Nicholson hinter den Frauen. Beständig und trocken. Der Award läutete den Beginn eines wundervollen Lebens ein.

Sein morgendliches Motivationstraining begann immer damit, dass ihn der Präsident der Wall Street vor den Kameras der Welt zum König der Börsianer ausrufen würde, und zwar einhergehend mit der Überreichung einer vergleichsweise bescheidenen Dotierung. Er notierte den Dow Jones und dann ließ er sich von der Tamponwerbung sanft in den nächsten Bahnhof tragen.

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